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Kaisten

Lucy mit ihren Eltern. Ab kommendem Schuljahr wird die Fünfjährige den Kindergarten in Kaisten besuchen und dabei von einer Assistenzperson betreut werden. Foto: zVg

Darf ein Kind mit einer Behinderung in den Regel-Kindergarten? Das Gesetz sagt Ja. Der Begriff dafür heisst «Inklusion». Das heisst, es darf zusammen mit Mädchen und Jungs ohne Behinderung Kindergarten und Schule besuchen. Ganz so einfach ist es aber nicht. Das erlebt die Familie Jehle aus Kaisten, die will, dass ihre fünfjährige Tochter Lucy den Kindergarten im Dorf besuchen kann.

SONJA FASLER HÜBNER

Lucy ist ein kleiner Sonnenschein. Strahlend öffnet sie der Zeitungsfrau zusammen mit ihrem Mami die Tür. Später sitzt sie auch an den Küchentisch, schneidet einen Apfel in kleine Schnitze, um ihn dann redlich und ganz selbstverständlich zu teilen. Während des Gesprächs geht sie ins Nebenzimmer um zu spielen und dabei Musik zu hören. «Lucy liebt Musik», sagt ihr Mami Rebecca Jehle. Vieles ist bei ihr wie bei anderen Kindern, und doch ist Lucy anders. Sie kam mit dem Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, zur Welt.

«Es braucht eine dicke Haut»
«Wir haben uns bewusst für Lucy entschieden», sagt Rebecca Jehle mit fester Stimme. «Und wir haben es keine Sekunde bereut.» Auch wenn man hie und da schräg angeschaut werde oder man sich unschöne Kommentare anhören müsse. Das brauche eine dicke Haut, gesteht die Mutter. «Familie und Freunde haben aber positiv reagiert und stehen hinter uns.» Klar war für sie und ihren Mann Christian von Anfang an, dass sie ihre Tochter bestmöglich fördern wollen. Ab dem 3. Lebensjahr besuchte sie auch die Spielgruppe in Frick. Bereits seit längerer Zeit erhält Lucy Frühförderung durch die Stiftung Netz. Eine Heilpädagogin besucht das Mädchen einmal pro Woche und arbeitet mit ihm. Sie riet der Familie, Lucy frühzeitig vom Schulpsychologischen Dienst abklären zu lassen. Beim SPD in Frick kam die Psychologin zum Schluss, dass Lucy reif ist für den Kindergarten. Somit war für die Familie Jehle klar, dass ihre Tochter den Kindergarten in Kaisten besuchen würde.

 Lucy freut sich, dass sie weiterhin den Kindergarten in Kaisten besuchen darf. Foto: zVgIn die Gesellschaft integrieren
Schon ein erstes Gespräch zeigte allerdings, dass dies nicht so einfach werden würde. Die Kindergartenabteilung zählt 21 Kinder. Für eine Kindergartenlehrperson alleine, wenn auch mit Unterstützung, sicher nicht einfach. Es freuten sich alle auf diese neue Herausforderung und es wurden die ersten Schritte besprochen. So wurde der Familie vorgeschlagen, Lucy am Anfang nur zwei Morgen in den Kindergarten zu schicken, mit der Aussicht, die Tage nach und nach zu steigern. «Das passierte leider nicht», bedauert Rebecca Jehle, die selbst in einem Teilzeitpensum als Fachfrau Betreuung in der MBF Stein mit behinderten Menschen arbeitet. Ihr wurde mitgeteilt, Lucy werde sehr schnell müde, die Gefahr bestehe, dass sie weglaufe und grob sei zu anderen Kindern. Zudem könne sich Lucy noch zu wenig gut ausdrücken. Sie lernt in der Frühförderung eine einfache Gebärdensprache, mit deren Hilfe sie gut zu erreichen ist. «Auf diese Zeichen reagiert Lucy sehr gut», weiss ihr Mami. Leider kam es immer wieder zu unerfreulichenGesprächen im Kindergarten. Und Rebecca Jehle geriet immer mehr an den Rand der Verzweiflung. «Ich war am Ende meiner Kräfte», gesteht die Mutter. «Würde Lucy den Kindergarten nicht gerne besuchen und käme sie nicht immer so glücklich heim, hätten wir längst über eine Alternative nachgedacht», sagt sie. Aber ihrer Tochter jetzt den Kindergarten und das Dorf vorzuenthalten, sei keine Option. Sie wolle die Vorteile und die Qualität der HPS keineswegs in Zweifel ziehen. Doch sie wünsche sich, Lucy wenn möglich bis in die 1. oder sogar 2. Klasse in die Regelschule schicken zu können. Wenn es für Lucy oder auch die anderen Kinder nicht mehr stimme, müsse man die Konsequenzen ziehen und sie müsse in die HPS nach Mumpf wechseln, ist sich die Mutter bewusst. «Aber wir wollen ihr einen guten Boden geben. Lucy soll später gute Chancen haben, einen Beruf zu erlernen, unter Menschen zu kommen und nicht abgesondert von der Gesellschaft zu leben», wünscht sich Rebecca Jehle.

Hilfe durch den «Verein Inklusion Aargau»
Zufällig stiess sie auf die Facebook-Gruppe «Downsyndrom Schweiz». Eltern von Kindern mit Down-Syndrom haben sich dort zusammengetan und tauschen sich aus. So erfuhr Rebecca Jehle vom «Verein Inklusion Aargau». Dieser wurde im Jahr 2019 von Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen gegründet. Ziel des Vereins ist es, das Thema «Inklusion» in allen seinen Aspekten im Kanton Aargau voranzubringen. Schwerpunkt bildet dabei die schulische Inklusion. «Der Verein unterstützt den gesellschaftlichen Dialog, ist im Kontakt mit Personen aus Politik und Verwaltung und unterstützt Betroffene auf allen Seiten – Eltern, Lehrkräfte, Schulpsychologen und Inklusionsarbeitende – mit Erfahrung, Expertise und innovativen Ideen», heisst es auf der Homepage. Auf diese Weise erfuhr das Ehepaar Jehle erst, welche Rechte sie eigentlich hätten. Präsident Eric Scherer anerbot sich, an einem runden Tisch zusammen mit den Eltern und den Vertretern der Schule mit dabei zu sein und seine Argumente einzubringen, was offenbar Wirkung zeigte.
Schulleiter Olivier Inhelder, das Klassenteam von Lucys Kindergartenabteilung und die Schulpflege zeigten sich kooperativ, und so wurde vor kurzem die Stelle für eine Assistenzperson ausgeschrieben, die Lucy an vier Morgen im Kindergarten 1:1 betreuen wird. Es seien viele interessante Bewerbungen eingegangen, erklärte der Schulleiter auf Anfrage von fricktal.info. Man rechne damit, dass eine geeignete Person darunter sei. Lucy kann somit das erste Kindergarten-Jahr nochmals wiederholen und zwar an fünf Halbtagen wie die anderen Kinder auch.

Inklusion ja, aber Ressourcen fehlen
Ende gut, alles gut, könnte man jetzt denken. Doch ganz so einfach ist es nicht. Hört man sich die Seite der Schule an, stellt man fest, dass das Thema «Inklusion» noch längst nicht ausgereift ist, auch wenn es vom BKS (Departement für Bildung, Kultur und Sport) Aargau seit letztem Jahr gesetzlich verankert ist. «Das neue Ressourcen-Modell des BKS überträgt der Schulleitung viel Verantwortung», weiss der Schulleiter. Allen Schulen steht dabei eine Pauschale zu, die sich nach Anzahl der Schüler, aber auch nach den örtlichen Gegebenheiten richtet.
Dieses Ressourcenkontingent sei vergleichbar mit einem Familienbudget. Es stehe ein Betrag zur Verfügung, nicht mehr und nicht weniger. Und damit gelte es haushälterisch umzugehen. «Die Schule Kaisten verfügt über eine niedrige Pro-Kopf-Pauschale», erklärt der Schulleiter. So sei es ein ständiges Abwägen, was am nötigsten sei und worauf verzichtet werden müsse, weil Lektionen dafür fehlten. Das betreffe zum Beispiel den Halbklassen-Unterricht.
«Inklusion ist eine gute Sache, und ich habe absolutes Verständnis für die Anliegen der Eltern», betont der Schulleiter. Aber man müsse auch die Seite der Schule verstehen. «Bei Lucy fanden die Fortschritte nicht so schnell statt, wie man es sich gewünscht hatte, und es zeigte sich schnell, dass es ohne 1:1-Betreuung nicht gehen wird.» Dabei müsse auch immer berücksichtigt werden, den Rest der Klasse nicht zu vernachlässigen.

«Die Schulen werden ein Stück weit alleine gelassen»
Funktioniere es mit der Inklusion, dann sei es eine Chance für alle. «Der Knackpunkt ist: Ist die Inklusion auch für alle Beteiligten leistbar?» Zurzeit stecke die Schule Kaisten bereits überdurchschnittlich viele Ressourcen in den Kindergarten, das betreffe nicht allein Lucy, sondern auch Deutsch als Zweitsprache (Sprachförderung), Logopädie, Teamteaching usw. Dabei müsse immer berücksichtig werden, dass alle Kinder zu ihrem Recht kämen und angemessen gefördert würden, betont der Schulleiter. Mit anderen Worten: Müssten für weitere Kinder mit einer ähnlichen Beeinträchtigung vergleichbar viele Lektionen wie für Lucy eingesetzt werden, würde die Schule mit ihrem Ressourcenkontingent an ihre Grenzen stossen. Es handle sich also nicht um mangelnden Willen seitens der Schule. «Die Schulen werden ein Stück weit allein gelassen», bedauert Olivier Inhelder. «Ein kantonales wie auch kommunales Gesamtkonzept für die Umsetzung von Inklusion fehlt, das auch Aspekte, wie Gestaltung der Unterrichtsorganisation, Weiterbildung der Lehrpersonen, Finanzierung und Lektionenbedarf beinhaltet.» Würde Lucy die HPS besuchen, müsste die Gemeinde lediglich das Schulgeld ausrichten. Nicht nur für den Laien eine schier unüberschaubare Angelegenheit.

Dankbare Eltern
Trotz aller Widrigkeiten ist die Freude bei der Familie Jehle gross. «Wir sind dankbar, dass die Schule uns diese Chance gibt und Lucy bleiben kann», sagt Rebecca Jehle überglücklich. Es sei ein schwieriger Weg, der viel Nerven und Geduld brauche, und sie wolle auch andere Eltern ermutigen, ihn zu gehen. «Für uns ist klar, dass dies eine Art von Teamarbeit geben sollte. Wir hoffen, dass die neue Assistenz enger mit uns zusammenarbeiten kann. Die erlebten Momente sollten dokumentiert werden, um die entstehenden Bedürfnisse von Lucy bestmöglich abzudecken. Auch wir müssen uns stetig weiterbilden, um Lucy in alle Richtungen zu unterstützen. Auch wir wachsen mit. Wir danken allen die uns auf diesem Weg unterstützen. Auch dem Schulpersonal und der Schulleitung.»

Unsere Bilder:
- Lucy mit ihren Eltern. Ab kommendem Schuljahr wird die Fünfjährige den Kindergarten in Kaisten besuchen und dabei von einer Assistenzperson betreut werden. Foto: zVg
- Lucy freut sich, dass sie weiterhin den Kindergarten in Kaisten besuchen darf. Foto: zVg
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