Ein Produkt der mobus 200px

Effingen

Am 1. August hielt SP-Grossrätin Colette Basler di Festrede zur Bundesfeier in Effingen.

Liebe Effingerinnen und Effinger,

es ist der letzte 1. August, den ihr als eigenständiges Dorf Effingen feiert und ausgerechnet ich, eine Zeiherin, eine Katholikin, eine aus dem Bezirk Laufenburg, darf heute diese letzte Rede halten. Ich fühle mich ausserordentlich geehrt.

Zur Vorbereitung meiner Rede bin ich abgetaucht in die Tiefen des Computers und habe euch, wie man heute so schön sagt, gegoogelt. Gefunden habe ich ... NICHTS! Die Homepage und das Gemeindeblatt, ja, aber keine Unfälle und Verbrechen, keine Zickereien und Geschichten in den Medien - offensichtlich seid ihr ein völlig skandalfreies, friedliches Dorf. Ein noch Berner Dorf, noch Bezirk Brugger Dorf, eines mit Höhen und Tiefen, mit dem Rugen und dem Chästhal, mit Römerwegen und Reben und mit vielen kostbaren Naturschönheiten und verborgenen Schätzen.
Und selbstverständlich findet man über Effingen nicht einfach nichts und wenn es wirklich so wäre, wüsste man dafür viel Überliefertes. Insbesondere wenn man in Zeihen aufgewachsen ist, eine Urzeiherin, jeden Tag nach Effingen blickt und seine Jugend im Fricktal verbracht hat. Insbesondere dann, wenn man zuhause zwar mit den Eltern das „Wetten dass ... „ am Samstag geschaut hat, danach aber nicht zu Bett ging, sondern den Drahtesel sattelte und zum Beispiel Effingen auf dem Weg lag.
Einer meine ersten Berührungspunkte mit eurem Dorf liegt aber in meiner Kindheit, nämlich das „Bahnhöfli“. Dort feierten wir den 80. Geburtstag meines Grossvaters – ein Familienfest – da wurde politisiert, gelacht und natürlich gekegelt. Später taten wir dies mit Kolleginnen und Kollegen. Oder wir trafen uns in der Glocke, zum Billardspielen oder im Rebstock zu einem exklusiven Znacht und danach in der Barbar. Manchmal auch mit Auslassen des Nachtessens nur in der Barbar. Eine bleibende Erinnerung ist für mich der nächtliche Besuch bei der Bruderhöhle, einst nach dem Kinofilm „Silence of the lambs“. Das war keine gute Idee und ich war seit 27 Jahren nie mehr dort. Dieses Trauma ist noch nicht ganz verarbeitet. Ab und an besuchten wir auch den VOLG, die Bank oder die Post in Effingen. Und heute? Alles ist verschwunden, weg rationalisiert, zu – wie an so vielen anderen Orten auch! Effingen hat nichts mehr - könnte man meinen – ein Schlafdorf. (Ev. Metzgerei im Chästhal erwähnen) Ihr fragt euch sicher, was ich mir hier anmasse, solch freche Aussagen zu machen und das an einem ersten August. Folgende Klammerbemerkung sei an dieser Stelle erlaubt: Wer je an einem Zeiher UND an einem Effinger Turnerabend war, weiss, dass die aus dem Nachbardorf immer am schlechtesten wegkommen. Man kann aber getrost auch bemerken, dass eine gewisse Spontaneität in Sachen Organisation beiden Dörfern eigen ist. Das Sympathische daran ist, dass am Schluss dann immer alles doch noch klappt.
Nun denn, Klammer zu, meine Rede ist ja noch nicht zu Ende, eigentlich beginnt sie erst jetzt. Ich habe herausgefunden, dass ihr Effingerinnen und Effinger die wahren Helden seid. Wisst ihr, dass es euer Dorf schon länger gibt als die Eidgenossenschaft, nämlich seit 1284, wo es noch Effigun hiess? Wisst ihr, dass ihr urschweizerischer seid als die Urschweizer? Ihr habe wohl keine Lokalitäten mehr, aber ihr pflegt Traditionen, wie es wohl kein anderes Dorf im oberen Fricktal tut. Euer Dorf pulsiert – es lebt. Ausgerechnet dieser kleine Flecken Erde hat einen Jodlerclub und eine Husmusig, eine Trachtengruppe und einen Oldtimerclub, die Landfrauen und den TV, eine regionale Schiessanlage und eine Bachstube am Bach und Vieles mehr. Wenns sein muss, stampft ihr ein Abendschwinget aus dem Boden oder ihr bringt am Eierläset alle Leichen in Kellern zu tage. Wahnsinn! Wie macht ihr das nur?! Jetzt könnte man denken, na dann sind sie ein Völkchen von Bewahrenden, traditionell, dem Neuen abgewandt, diese Menschen aus Effingen. Aber weit gefehlt, denn ebenso wie für Tradition lasst ihr Platz für Neues. Ihr seid open minded, weltoffen. Eine Irish Night ist bei euch gleichermassen möglich wie eine Goaparty, ihr habt ein Schulheim und integriert Menschen jeglicher Herkunft und sozialen Hintergrundes ohne zu Zögern und ohne viel Aufhebens in euer Dorf. Das ist toll und darauf dürft ihr stolz sein! Ihr bringt berühmte Persönlichkeiten hervor. Als Bäuerin macht es mich besonders stolz, dass der bekannte Agronom und erste Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes, Ernst Laur, ein Effinger war oder dass der unverwechselbare und grossartige Eisenkünstler, Dani Schwarz, bei euch beheimatet ist. Und ihr habt schon vor Jahren Familien nach Kanada geschickt, um den Effingergeist in die weite Welt hinaus zu tragen. Dort wird jetzt z.B. die Hühnerfarm, welche heute eine Horse Farm (in Effingen) ist, weiter betrieben – einfach ein bisschen grösser und Effinger Wissen und Tradition wird ännet am Teich gelehrt und weiter verbreitet. Ich konnte mich selber davon überzeugen.
Ihr Frauen und Männer, Buben und Mädchen aus Effingen wisst eine gute Mischung aus Tradition und Moderne zu finden – ihr versteht es, aus eurem Dorf einen pulsierenden, lebhaften und farbigen Flecken zu machen. Wer das nicht glaubt, soll mal eine der legendären Effinger Turnershows besuchen oder den Eierläset. Ihr verschliesst euch dem Neuen nicht und wagt, gerade aktuell, den grossen Schritt in die Fusion mit Bözen, Elfingen und Hornussen. Ihr wechselt den Bezirk und werdet habsburgisch. Reformiert werdet ihr wohl bleiben. Wenn man nicht repräsentativen Umfragen glauben will, finden in katholischen Regionen mehr und grössere Feste statt. Diesbezüglich müsst ihr euch also nicht umstellen.
Bestimmt ist die Aufgabe eines eigenen Dorfes mit Emotionen verbunden und vielleicht werdet ihr auch ab und an melancholisch bei diesem Thema oder müsst gar eine Träne verdrücken. Dennoch gratuliere ich euch zu eurem Mut! Ich gratuliere euch, dass ihr den Schritt wagt und euch mit (fast) allen anderen Gemeinden rundherum zusammen tut, um Synergien zu nutzen, um euch gut weiter entwickeln zu können und um mehr Gewicht zu erhalten, z.B. z’Aarau obe.
Und ich freue mich sehr, dass ihr nun zum Bezirk Laufenburg wechselt und nicht nur geographisch sondern auch politisch zum Fricktal gehört. Nun seid ihr echte Fricktalerinnen und Fricktaler und das war Zeit – höchste Zeit!

Tragt euch Sorge, schaut zu eurem wunderbaren Flecken Erde und seid stolz auf alles Erreichte.

Ich wünsche euch allen einen schönen ersten August.

 

Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv
Sie haben noch kein Benutzerkonto? Registrieren Sie sich jetzt!

Loggen Sie sich mit Ihrem Konto an