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Bözen

Peter Lüscher verlässt nach 26 Jahren als Pfarrer die Kirchgemeinde Bözen. Der 62-Jährige wohnt inzwischen mit seiner Frau wieder in Baden. Foto: Sonja Fasler Hübner

(sfa) Am 1. Oktober 1995 trat Peter Lüscher die Stelle als reformierter Pfarrer in Bözen an. 26 Jahre später sieht er sich aus gesundheitlichen Gründen – er leidet seit vielen Jahren an Multipler Sklerose – gezwungen, sein Amt aufzugeben. Bereits jetzt wohnt er mit seiner Frau wieder in seiner alten Heimat Baden. fricktal.info hat Peter Lüscher letzte Woche getroffen und mit ihm über seine Zeit in Bözen und seinen Abschied gesprochen.

Herr Lüscher, mit welchen Gefühlen verlassen Sie nach 25 Jahren die Kirchgemeinde Bözen?
Pfr. Peter Lüscher: Ich verlasse die Leute hier sehr ungern. Ich hatte eine gute Zeit und bin dafür dankbar. An alles andere kann ich mich gewöhnen.

Sie hören aus gesundheitlichen Gründen auf. Macht es das besonders schwer für Sie?
Pfr. Peter Lüscher: Ich bin schwerfällig geworden. Auch mein Gehör lässt nach. Doch ich bin froh und dankbar, dass ich mit der Krankheit so lange arbeiten durfte. Als ich im Alter von 40 Jahren die Diagnose MS bekam, wusste ich noch nicht, was die Zukunft bringt. So gesehen bin ich einfach glücklich, dass ich so alt werden darf. Und das muss ich ganz dick unterstreichen: Ohne meine Frau hätte ich es schlicht und ergreifend vergessen können, die Stelle hier zu übernehmen. Ohne sie wäre ich nicht nach Bözen gekommen. Ihr habe ich zu verdanken, dass ich hier funktionieren konnte. Ohne sie hätte ich keine Chance gehabt und hätte nie ein Einzelpfarramt übernommen.

Sie kamen damals mit ihrer Familie von Baden nach Bözen. Warum gerade Bözen? Und wie war das damals?
Pfr. Peter Lüscher: Das ist eine komplizierte Geschichte. Damals 1994/95 herrschte ein extremer Stellenmangel. Deshalb wurde ich an verschiedenen Orten vorstellig. Als ich auf dem Heimweg von einem Vorstellungsgespräch im toggenburgischen Lütisburg war, traf ich einen Kollegen, dessen Schwiegervater Kurt Flückiger damals die Stellvertretung in Bözen versah. So erfuhr ich, dass in Bözen überhaupt ein Pfarrer gesucht wurde. Ich hatte zu Bözen noch überhaupt keine Beziehung, suchte im Kursbuch sogar nach einem Bahnhof in Bözen, bis mir jemand sagte, da fahre ein Postauto hin.

Was hat Sie seinerzeit dazu bewogen, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden?
Pfr. Peter Lüscher: Ich hatte ursprünglich überhaupt nichts mit Theologie am Hut und wollte eigentlich in Richtung Pädagogik gehen. Auch von Haus aus hatte ich keinerlei Bindung zur Theologie, fand dann jedoch über 70 Ecken zu dieser Studienrichtung. Es gab aber weder eine göttliche Eingebung noch ein bestimmtes Berufungserlebnis. Wenn überhaupt, waren es mehrere Erlebnisse, die dazu führten.

Die Stelle in Bözen war Ihre erste als Pfarrer?
Pfr. Peter Lüscher: Ja, nachdem ich davor noch eine Zeitlang im Lehramt tätig gewesen war, die einzige Pfarrstelle. Dass ich solange in Bözen geblieben bin, hat zum einen mit der Familie – die beiden Kinder, inzwischen 25 und 26 Jahre alt, besuchten hier die Schule – zu tun. Krankheitsbedingt fehlte mir aber auch der Schneid, mich zu verändern. Hinzu kam, dass ich mir hier wohl fühlte. Die Leute sind sehr liebenswürdig. Das obere Fricktal ist in religiöser Hinsicht relativ nüchtern. In anderen Kantonsgegenden hätte ich mit meiner trocken-nüchternen Art vielleicht nicht so landen können (lacht).

In 25 Jahren hat sich vieles verändert in der Gesellschaft und somit auch in der Kirche. Wie haben Sie das als Pfarrer erlebt?
Pfr. Peter Lüscher: Das Stammpublikum ist schlicht und ergreifend ausgestorben. Im letzten Jahrtausend kamen tatsächlich noch viel mehr Leute in die Kirche. Inzwischen gibt es zahlreiche weltanschauliche Mitkonkurrenten auf dem Platz. Das Deutungsmonopol der Kirche ist verfallen. 1995 war das noch ganz anders. Heute sind die meisten konfessionslos. Ein Schicksalsglaube gibt es kaum noch. Es wäre einmal zu prüfen, wie viele heute noch von einer Auferstehung ausgehen.

Hat sich Ihr Glaube und Ihre Beziehung zu Gott in Ihrer Zeit als Pfarrer verändert?
Pfr. Peter Lüscher: Das hat sich schon allein durchs Alter verändert. Von jungen Jahren kann ich nicht reden, dafür bin ich zu spät ins Metier eingestiegen. Ich habe nicht das Gefühl etwas bekennen zu müssen. Ich wurde undogmatischer. Ob das gut ist, ist die Frage. Klare Kante bekennen hat mir immer etwas gefehlt.

Im Gegensatz zu 1995 gibt es ja heute immer weniger Pfarrer. Woran liegt das?
Pfr. Peter Lüscher: Weil es nicht so sexy ist, auf der sinkenden Titanic anzuheuern. Solange sie in Belfast stolz in See sticht, wollen alle auf dem Schiff sein, wenn es sinkt, nicht mehr.

Wenn Sie auf Ihr Wirken in Bözen zurückschauen: Was ist Ihnen in besonders guter Erinnerung geblieben?
Pfr. Peter Lüscher: Die Paarung von Herzlichkeit und Nüchternheit. Dazu eine kurze Anekdote: Das obere Fricktal war früher das Armenhaus des Aargaus. In diesem Zusammenhang blieb mir eine Begegnung auf dem Tal­acher beim alten Fritz Schär in Erinnerung. Ich sagte zu ihm: «Läck, Fritz, das ist ja eine berauschende Aussicht von hier aus.» Da erwiderte er trocken: «Vo dem hesch aber au nid zeised.» Das beschreibt die Mentalität der älteren Leute hier treffend. Man musste damals einfach schauen, wie man über die Runden kam. Dabei legte man eine grosse Selbstbeherrschung an den Tag, liess sich nicht in die Karten schauen. Mir kam das noch entgegen. Man muss nicht immer gleich das Herz auf der Zunge tragen. Es muss nicht jedes zweite Wort «Jesus Christus» sein. Vielleicht hat das auch mit meiner Herkunft zu tun. Der Vater war Telefönler. Wir haben kleine Brötchen gebacken. Auch ich habe von Haus aus eine religiöse Nüchternheit mitbekommen. Vieles ist schön und gut, aber von Gefühlen allein kann man nicht leben.

Gab es auch Enttäuschungen während Ihrer Amtszeit?
Pfr. Peter Lüscher: Gerade mit dieser gewissen Nüchternheit hat man keine grosse Erwartungshaltung. Man darf nicht erwarten, dass einem die Leute nach einem Jahr schon in die Arme schliessen. Wäre das geschehen, wäre es mir eher unangenehm gewesen. Adenauer hat einmal auf die Frage, wieso er mit Leuten verkehre, die ihm nicht liegen, gesagt: «Es gibt keine anderen.» Das heisst, man muss die Leute so nehmen, wie sie sind. Als Pfarrer bin ich nicht Gemeindeschreiber oder Lehrer. Ich habe nicht die Macht, Lebenschancen zu verteilen. Weg vom Schuss gibt alte Krieger. Ich bin kein Held, halte mich lieber zurück. Auch als Pfarrer kann man sich unbeliebt machen. Man muss nicht in jeden Fettnapf treten.

Sie sind in Wettingen mit fünf Geschwistern aufgewachsen, haben in Baden gewohnt, bevor sie nach Bözen gekommen sind. Ist es jetzt für Sie wie ein Heimkommen nach Baden?
Pfr. Peter Lüscher: Nach 26 Jahren war ich eigentlich hier zu Hause. Wenn ich telefoniere sage ich jetzt noch häufig: «Do isch de Peter Lüscher vo Böze.» Ich tue mich mit einigem in der Stadt schon schwer. Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Gefährt unterwegs bin. Es herrscht ein ganz anderer Puls in der Stadt, an den ich mich erst gewöhnen muss. Eine Bekannte sagte zu mir: «Bis du an einem neuen Ort angekommen bist, vergeht ein Jahr.» Und damit könnte sie richtig liegen. Ich freue mich einerseits auf den neuen Abschnitt. Aber das Gemächliche und Beschauliche hier auf dem Land wird mir fehlen. Wenn ich mit meiner Krankheit durchs Fricktal wanke, wissen die Leute warum. Man kennt mich hier. In Baden bin ich einer unter vielen. Da wird man eher als Verkehrshindernis beschimpft.

Wird Ihnen das Amt als Pfarrer fehlen?
Pfr. Peter Lüscher: Ich hatte hier die Funktion des Dorfbrunnens. Der ist einfach da. Vielleicht will jemand etwas Wasser, vielleicht auch nicht. Es wird zunehmend schwieriger, wenn die Pfarrer nicht mehr im Ort wohnen. Aber das ist ein auslaufendes Modell. Das Dorfbrunnensein wird mir fehlen. Am Pfarramt wird mir fehlen, dass ich aus dem Vollen schöpfen konnte, geschützt durchs Amt. Man hat eine gewisse Narrenfreiheit. Das habe ich teilweise schamlos ausgenützt. Man muss aber die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz finden. Den Mittelweg sozusagen. Ich habe Mühe mit dem Ausdruck des «beliebten Pfarrers». Das heisst für mich eher, dass man als Pfarrer nicht klar Kante zeigen wollte. Aber so genau weiss man es ja nie. Selten übt jemand direkt Kritik am Pfarrer.

Haben Sie Pläne oder Projekte, die Sie jetzt angehen möchten, wenn Sie Zeit haben?
Pfr. Peter Lüscher: Das war der Vorteil des Pfarramtes hier. Ich konnte schon vieles machen, wie ich es wollte. Was ich vorher nicht gemacht habe, mache ich jetzt auch nicht mehr.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger bzw. Nachfolgerin mit auf den Weg geben?
Pfr. Peter Lüscher: Hab die Leute gern. Das ist die Hälfte der Miete. Alles andere ist Zugabe.

Interview: Sonja Fasler Hübner

Bild: Peter Lüscher verlässt nach 26 Jahren als Pfarrer die Kirchgemeinde Bözen. Der 62-Jährige wohnt inzwischen mit seiner Frau wieder in Baden. Foto: Sonja Fasler Hübner

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