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Eiken

 (pro) Die beeindruckendste je in der Schweiz stattgefundene Mobilisation der Arbeitnehmer wird je nach Parteicouleur gerade im Hinblick auf das 100-Jahre-Jubiläum des Landesstreiks politisch gefärbt. Die UNIA-Generalversammlung befasste sich intensiv mit den Hintergründen.


«Je besser wir die Hintergründe des Generalstreiks von 1918 verstehen, desto mehr Verständnis haben wir für die Gewerkschaftsbewegung unserer Zeit», betonte Danièle Lenzin an der Generalversammlung der Gewerkschaft UNIA Industriegruppen Fricktal in Eiken. Die in Oberhof aufgewachsene Bildungsverantwortliche der UNIA Verbandsleitung in Bern hat Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studiert und liess die Versammelten an einem packenden Fundus an Hintergrundinformationen über eines der gravierendsten Ereignisse der Schweizer Geschichte teilhaben.

«Noch heute wird der Generalstreik politisch verdreht und in Richtung russische Revolution und Umsturzbewegung gestellt», erklärte sie. Aber was zur grössten staatspolitischen Eskalation seit der Gründung des Schweizer Bundesstaates von 1848 führte, hatte sich schon seit längerem - auch im Aargau und im Fricktal - angekündigt, was sie in einer langen Liste von kommunalen und regionalen Streiks präsentierte. Forderungen der Arbeitnehmer liessen sich nur auf diesem Wege durchsetzen.


 Veränderungen nur wegen Streiks
«Der rapiden Verschlechterung der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern, dem enormen Lohnzerfall, Hunger und Arbeitslosigkeit standen trotz 1. Weltkrieg die Rekordgewinne der Exportindustrie und der komplett überforderte Bundesrat mit der Verwaltung gegenüber.
Die erstarkte Arbeitnehmerschaft war kampfbereit und die Gewerkschaften erfuhren rasanten Zuwachs. So erstritt die 1918 gebildete SMUV Sektion Laufenburg in total 11 Streiktagen in unterschiedlichen Firmen Lohnverbesserungen, erzählte die Referentin.
Die Zuspitzung der Auseinandersetzungen mit dem Bürgertum und der Armeeführung nach dem Streik der Zürcher Bankangestellten im September 1918 und dem Solidaritätsstreik der Arbeiterunion im Oktober führte schliesslich zu dem vom Oltener Aktionskomitee unter Walter Grimm ausgerufenen Generalstreik vom 11. bis 14. November.

Innert 24 Stunden machten rund eine Viertelmillion Arbeitnehmer mit. Drei Arbeiter wurden von der aufgebotenen Armee erschossen. Trotz der enormen Repression, des vorzeitigen Abbruches, Kündigungen, Verhaftungen und Verurteilungen von rund 1000 Arbeitern brachte der Streik aus längerfristiger Perspektive die Verkürzung der Arbeitszeit von 59 auf 48 Stunden pro Woche, schliesslich die AHV, die SP in den Bundesrat und viele Gesamtarbeitsverträge, schloss Lenzin ihren Rückblick.

Mehr Streiks nach ruhigen Jahren
Nach den eher ruhigen Jahren registriere die Schweiz zur Zeit aufgrund des zunehmenden Arbeitsdrucks, der verschlechternden Arbeitsbedingungen und dem Abbau von Errungenschaften wieder vermehrt Streiks, stellten die Gewerkschafter fest.

Rückschau auf das zurückgelegte Verbandsjahr hielten Präsident François Quidort und die Industrie-Teamsekretärinnen Ulrike Mänzel und Nicole Furler. Speditiv wurden die Wahlen für regionale, kantonale und nationale Vertretungen vorgenommen. Nach über 30 Jahren in vielen leitenden Positionen beendete Quidort das Präsidentenamt aufgrund der sich neu formierenden Organisation Aargau-Nordwestschweiz.

Bilder: Vom Präsidium zurückgetreten, François Quidort am Vorstandstisch mit den Gewerkschaftssekretärinnen Nicole Furler (links) und Ulrike Mänzel; Landesstreik zum Hauptthema gemacht: Referentin Danièle Lenzin. Fotos: Paul Roppel