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Münchwilen

Im letzten Jahr war Greta Thunberg von Schweden diejenige, die uns zum Überlegen aufforderte, wohin wir in die Ferien fahren wollen. Dieses Jahr stoppte uns das Corona-Virus, zu manchem Traumziel zu reisen. Die Schweiz aber, vor allem auch das Wallis, bietet für Bergvelofahrer grossartige Erlebnisse. Seine Schönheit ist in Stein gemeisselt.

Der Spruch «Nach der Saison ist vor der Saison» trifft jedesmal zu, weil ich über den Winter wieder auf Tourensuche für den nächsten Sommer bin. Vorgesehen war das Gebiet Chablais. Es liegt zum grössten Teil südlich des Genfersees mit der Stadt Thonon-les-Bains und gehört zum französischen Departement Haute-Savoie. Der schweizerische Anteil setzt sich aus dem Walliser Bezirk Monthey und dem Waadtländer Bezirk Aigle zusammen. Höchster Punkt ist die Haute Cime auf 3257 m auf den Dents du Midi. Unter dem Markennamen Geopark Chablais hat im Jahre 2012 die UNESCO den französischen Teil ausgezeichnet. Einen Kenner dieser Region fragte ich nach den ersten Gedanken, die ihm beim Wort «Chablais» in den Sinn kommen. Bernhard Niquille, geboren in Troistorrents im Val Illiez, überlegte nicht lange und antwortete: «Velofahren und Wein.»

Hier eine Auswahl meiner diesjährigen Touren:
Bekannt oder unbekannt?
Diese Frage spielt für mich eine doppelte Rolle. Einerseits geht es um den allgemeinen Bekanntheitsgrad und andererseits um die Tatsache, ob ich diesen Pass schon einmal oder noch nie befahren habe. Ein konkretes Beispiel ist der Sustenpass: bekannt und befahren; Col de la Malvoisie: eher unbekannt und noch nicht erreicht. Er beginnt zwischen Sierre
und Salgesch, führt teils ganz steil durch Rebberge, später durch Wald mit vereinzelten Ausblicken auf den Pfynwald, der die Sprachgrenze zwischen Deutsch und Französisch bildet. Auf einer Karte sucht man diesen Übergang vergebens. Unterwegs sind auch keine Wegweiser zu sehen. Nach rund 800 Höhenmetern ab dem Rhonetal kann der sanfte Pass auf guter Schotterstrasse passiert werden. In westlicher Richtung zeigen sich schöne Blicke auf Aminona bei Montana. Der Passname Malvoisie ist derselbe wie ein-
ner hier angebauten Rebsorte für edlen Weisswein mit goldgelber Farbe. Der Pass mit dem Namen Pas de Maimbré, rund 12 km weiter westlich, dürfte etwas bekannter sein. Ab St-Leonard via Anzère ist die Strasse geteert bis Les Grillesses.Von da an schob ich das Bergvelo grösstenteils auf Naturbelag nahe der Sesselbahn zur Alp de Duez. Der dauernde Wechsel zwischen grauen Wolken, Nebel und blauem Himmel schien ein endloser Kampf zu werden. Nahe Plan-des-Conches sah ich erstmals Richtung der Krete
den Pointe d’Hérémence im Norden und in Richtung Crans-Montana im Südosten. Zum Bergsee Luché steigt das Trasse für den Werkunterhalt stellenweise mit geschätzten 30 % steil an. Der Pas de Maimbré auf 2362 m überrascht mit seiner Rundsicht auf Viertausender und Gletscher, einem botanischen Alpinweg und einer Rodelbahn mit Luftkissen.

Das Kabarett vom Bretolet
Ab Monthey im Unterwallis gelangt man durch das Val d’Illiez nach Champéry. In derselben Richtung nach Südwesten führt ein schmales Strässchen, immer noch geteert, zur Alp de Barme und weiter auf Naturbelag. In Luibronne ist die Abzweigung zum Pas de la Bide (1855 m). Von diesem Pass habe ich mir sagen lassen: «Nicht mit dem Velo. Selbst ein Rucksack könne einem Wanderer hinderlich werden!» Also Hände weg! Dies ein Beispiel, wie die Höhe eines Überganges nichts über den Schwierigkeitsgrad einer Begehung aussagen kann. Zwischen Berroi und dem Col de Cou begann ein Kribbeln in mir. Ich schob das Velo an grünen Abhägen vorbei, geschmückt mit Alpenrosen, so mild. Auf der Gegenseite die Bergspitzen vom Le Vanet mit steilen abfallenden Flanken, so wild. Mein Tagesziel war noch 30 Minuten entfernt, allerdings nur über den steilen Grat – weg von La Berthe – zu erreichen und heisst: Col de Bretolet. Schon gehört im Zusammenhang mit der Vogelwarte Sempach? Unter ihrem Patronat werden jedes Jahr im Herbst mit 8 bis 10 Personen ca. 15 000 Vögel verschiedenster Arten mit Netzen auf ihrem Flug nach Süden zum Beringen kurz aufgehalten. Als «Vögel fischen» wird es auch bezeichnet. In der Umgebung gibt es interessante Schilder mit Zeichnungen und Erklärungen. Die Wanderungen von Fledermäusen und Insekten über die Alpen werden ebenfalls beobachtet. Was für ein vogelkundliches Schauspiel! Vom Grat über die beiden Hütten der Beobachtungsstation bis hinunter ins Tal und hin zum Massiv der Dents du Midi zu blicken setzt Schwindelfreiheit voraus, ist aber lohnenswert.

Traumhaft und märchenhaft
Einer der wohl bekanntesten Wanderpässe ist die Riederfurka oberhalb Mörel und auch mit dem Velo unvergesslich schön. Vom Verkehrsverein wurde mir der Gratweg über die Hohfluh und den Härdernagrat zum Blausee empfohlen. Gratwege zu begehen, ist sehr beliebt und gilt als Krönung eines Weges, weil das Gefühl einer bescheidenen Erhabenheit aufkommen kann. Der Weg schlängelt sich dauernd zwischen knorrigen Arven und erlaubt mehrmals freie Sicht auf die «Arena» des Aletschgletschers.
Den Rückweg zur Riederalp fand ich über die Gopplerlücke (2050 m), westlich der Bettmeralp. Diese Tour war wie ein Stück Filet unter verschiedensten Fleischhappen. Das Val d’Anniviers beginnt in Sierre und endet in Zinal. Etwa in der Mitte zweigt die gute Bergstrasse in Vissoie über St-Luc nach Chandolin ab. Über die gepflegte Bergnaturstrasse kann bis zur Alp Le Tsapé gefahren werden. Wer weiter erkundet, tritt in den Naturpark Pfyn-Finges und wie in eine andere Welt ein. Sie ist sagenumworben. Beim Rundgang werden Themen Hören, Tasten, Sehen und Riechen spielerisch vermittelt. Allein die Passage zwischen den Hügelzügen vom Breitwang und Les Ombrintses ist farblich gesehen wie eine Mischung aus den Farben Braungelb der Pyrénäen und sattem Grün unseres Landes. Bezüglich der Bergformationen ist ein Vergleich mit wilden Himalaya-Felsen und typischem Schweizer Gestein nicht zu übersehen. Im Antlitz vom Schwarzhorn ist der Illpass beinahe auf flachem Weg erreichbar. Der Name «Ill» taucht in dieser Gegend gleich sechsfach auf: Als Illhorn, Illsee, Illhütte, Illgraben und neben dem Illpass auch noch als Pas de l’Illsee. Bekannt vom Kreuzworträtsel-Lösen?

Beim Lac Noir taucht der Besucher in die Legende namens «Chénégouga» ein: «Eines Jahres prasselte der Regen derart heftig über das Illhorn, dass der Nordteil ins Rhonetal donnerte und den Schuttkegel beim Pfynwald bildete. Die Leute von Chandolin liessen ihr Vieh dort weiden, ohne sich Gedanken zu machen über die Beschwerden der rechtmässigen Eigentümer von Leuk. Am Tag nach Maria Himmelfahrt begann dann Chénégouga ( mit einem Aufmarsch schrecklicher Wesen) nachts mit einem Höllenlärm. Menschen und Tiere hielten den Atem an. Der Himmel selbst brachte seinen Mond und die Sterne in Deckung. Man hörte Dämonen und kleine Teufel, die mit den Wölfen heulten, sowie böse Feen und Hexen. Kühe stieben weit bis ins Moirytal davon. Die Bewohner verstanden danach, dass sie den Leuten von Leuk Unrecht getan hatten und zahlten eiligst die geforderte Entschädigung. Chénégouga tobte nie mehr. Über Schneefelder und die Staumauer vom Illsee, mit Tiefblick von 1700 Metern ins Rhonetal, schob ich das Rad zum Pass Parilet und über den Pas d’Illsee nach Chandolin zurück. Der Illgraben wird auch Grand Canyon des Wallis genannt und als einer der gigantischsten Felsenkessel der Welt beschrieben. Und er bröckelt weiter ab ...

Sion – Eison – Bosson
Pässe zu erreichen ist seit je her mein Ziel. Westlich von Grimentz liegen mehrere hochalpine Bergwanderübergänge. Die Tour wurde zu meinem Jahresziel. Durch das Val d’Hérence fuhr ich bequem nach Eison zum Parkplatz und setzte das Bergvelo zusammen. Im Rucksack befand sich alles für diese zweitägige Tour, vorallem drei Liter Wasser. Die breite Naturstrasse liess mir, mindestens in weniger steilen Abschnitten, das Fahren bis zur Alpage de la Vieille zu. 600 Höhenmeter waren geschafft. Es fehlten noch deren 700 Meter.
Der Bergweg wurde stetig steiler, steiniger und trotz Trockenheit eben auch rutschiger. Der Lonapass auf der Krete lud allein wegen des Berges Becs de Bosson zu einer längeren Pause ein. Nach einem Zickzackweg, auch wieder bergab, zu einem kleinen Bergsee, vorbei an einem Platz voller Edelweisse und zwei Stellen, wo beinahe Kletterfähigkeiten erforderlich waren, stand ich sehr glücklich vor der Cabane des Becs de Bosson. In der wohlig warmen Gaststube begegneten mir gleich zwei schwarze Katzen. Ob die auch die dünnere Luft spürten? Wie ein Magnet zog mich die Stelle mit der Madonna-Statue und einem Kreuz ganz in der Nähe an. Die Panoramaaussicht auf die Berge, das Nachtessen (Polenta, Gulasch und Gemüse) mit einem Glas Walliser Rotwein von Nax und die Gemütlichkeit liessen alle Corona-Vorschriften der Hütte vergessen.

Auf dieser Höhe sind alle per Du. Das Beste folgte nach 20 Uhr: Der Sonnenuntergang, der sprachlos machte. «Wir leben nicht gemessen an der Zahl von Atemzügen, die wir nehmen, sondern an den Momenten, die uns den Atem rauben» (Maya Angelou). Moderner gesagt: «Ein Kraftort, 3000 Meter über dem Stress.» Die Landschaft verführte mit ihrem Charme der Berge. Spannungsgeladen erwartete ich die Bergvelowanderung am Folgetag über die Pässe Becs de Bosson, Louché und Cou (gleicher Name wie derjenige westlich von Champéry). Auf der Karte sind mehrere Stellen als «weglos» bezeichnet. Tatsächlich wäre die Fortsetzung des Weges ohne die gesteckten, rot-weiss gestreiften Eisenstangen sehr vage wahrzunehmen, dies besonders über die grossen Geröllfelder. Über den Col de Louche gibt es eine Passage, die viel Courage erforderte. Beim Lac Louché schmeckte mir das Lunchpaket mit knackigem Apfel, Walliserbrot, einheimischer Wurst, Bergkäse, Landjäger, Müesli-Riegel und einem Süssmost besser als ein teures Fünfgang-Menu. Der Berg La Maya verleiht der Gegend die besondere Note mit seinem markanten zylinderähnlichen Gipfelturm. Das Val de Réchy ist Naturschutzgebiet, d.h. Velofahrverbot. Ohne Strassen und Bauten regt es Künstler, Maler Dichter und Schriftsteller in einer Oase des Friedens an. Die Strecke nennt sich auch «The Bra- zilian Trail». Vorbei am Bergsee Rionde mit seltenen Blumen, einem Wanderwegstück mit hoher Bergsturzgefahr, dem langezogenen Col de Cou und über das Bergdorf von Mase fand ich zurück nach Eison.

Mit Wille zum Col de Mille
In Le Chable zweigen die Strassen nördwärts nach Verbier und südwärts über Bruson zur Alp Six Blanc ab. Ich stiess das Velo, ohne einen Blick auf die Karte zu werfen, sozusagen «der Nase nach» zur Krete. Bei den beiden kleineren Pässen Col de Chargerat und Le Basset öffneten sich die Blicke zur Hangmulde von Verbier und den Mont Gelé. Nahe den Ruinen auf dem Mont Brulé stehen zwei selten hohe Steinmannen, auch Cairns genannt. Vorbei an fast unheimlich anmutenden Ruinen fällt der Weg steil ab zum Col de Mille. Sein Wegweiser zeigt in sieben (!) verschiedene Richtungen. Derselbe Rückweg mit ständigem Auf und Ab war anstrengend. Die Berg- und Talsicht, wie diejenige auf das rund 1000 Meter tiefer liegende Champex oberhalb Orsières, und die Vielfalt der Alpenblumen nahe des Pfades aber entschädigten viel.
Velofahren ist immer noch gefragter und nachhaltiger denn je. Man wechselt Orte und vielfach auch Meinungen und Vorurteile. Ohne Stau oder Maskenpflicht bewegt man sich in Richtung Glücksgefühl. Michael Palin: «Wenn dich einmal das Reisefieber packt, gibt es kein bekanntes Heilmittel, und ich bin gerne bis zum Ende meines Lebens daran erkrankt.»

Unsere Bilder:
• Bei der Cabanne des Becs de Bosson (2985 m ) südlich Sierre, zwischen dem Val d’Hérens und dem Val d’Anniviers.
• Am Wanderweg über die Hohfluh zwischen den Pässen Rieder Furka und der Gopplerlücke mit Blick auf den Aletschgletscher.
• Sonnenuntergang über den Dents du Midi bei der Madonna Statue Notre Dame de l’Accueil auf 3000 m.ü.Meer.
Fotos: Kurt Kopp
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