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Stein

Zwei Generationen am Risottotopf: Hans Strebel, Marcel Adler, Dominik Häfeli, Gianluca Concas, Rocco Olivadese (von links). Foto: Jörn Kerckhoff

„Bei uns gibt es keine Festrede, ich begrüsse die Gäste nur ganz kurz“, hatte Steins Gemeindeammann Beat Käser im Vorfeld der 1.-August-Feier am Sonntag erklärt. Da kommt man als Berichterstatter dann schon mal ins Grübeln, über was man von diesem Anlass denn dann berichten soll. Manchmal springt einem dabei der Zufall zur Seite.

JÖRN KERCKHOFF

Zur Bundesfeier kommen Cervelats und Steaks auf den Grill, das ist in der Nordwestschweiz ein ehernes Gesetz – möchte man meinen. Niemand käme wohl auf die Idee, den Gästen Risotto zu servieren. Risotto hat mit der Bundesfeier im Aargau ungefähr so viel zu tun, wie eine Kuh mit Eierlegen. Ob die Kühe in Stein Eier legen können, ist nicht bekannt, aber tatsächlich serviert der TV Stein als Ausrichter der Bundesfeier seinen Gästen seit etwa 40 Jahren Risotto zu diesem Anlass. Ein Safran-Risotto mit Steinpilzen und Schweinefleisch, um genau zu sein.

Cervelat oder Risotto
Das lässt einen aufhorchen und ist Grund genug, einmal nachzufragen, warum das so ist. „Die Idee kam von einem Steiner, der aus dem Tessin stammte“, lüftet Hans Strebel das Rätsel ganz unspektakulär. So einfach kann es manchmal sein. Dass die Bevölkerung von Stein das aber auch so ohne weiteres akzeptierte und sich daraus eine echte Tradition entwickelte ist ja schon beinahe eine Bestätigung des Rütlischwurs: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern…“. Okay, die Frage, ob Cervelat oder Risotto, war damit wohl nicht gemeint, aber „des isch es Detail“.

Nicht so viele Besucher wie sonst üblich
Die Tradition lebt jedenfalls in Stein und das Risotto erfreut sich grösster Beliebtheit. „Wir bereiten 400 Portionen zu“, erzählt Hans Strebel. Es habe Jahre gegeben, in denen diese Menge nicht gereicht habe. Diesmal blieben etwa zehn Portionen übrig – beinahe eine Punktlandung. Der Grund dafür dürfte aber nicht gewesen sein, dass die Besucher das Risotto verschmähten, sondern vielmehr, dass sich im Jahr eins nach der coronabedingten Zwangspause der Bundesfeier noch nicht wieder ganz so viele Besucher zu dem Anlass trauten.

Kochlöffel weitergereicht
Oder lag es vielleicht doch daran, dass Hans Strebel, der 15 Jahre am Risottokochtopf stand, und Rocco Olivadese, der sogar 39 Jahre den grossen Kochlöffel schwang, die Verantwortung in jüngere Hände abgegeben hatten? Marcel Adler, Dominik Häfeli und Gianluca Concas waren diesmal die Chefköche der Bundesfeier. Hatten sie die Sache im Griff? „Fantastisch“, lautete das knappe Urteil von Beat Käser nach den ersten Gabeln. Und Bad Säckingens Bürgermeister Alexander Guhl, der als Gast der Feier anwesend war, erklärte sogar: „Meine Frau könnte es nicht besser machen.“ Nach dieser Aussage kann es sein, dass der Säckinger Rathauschef sein nächstes Risotto erst am 31. Juli 2023 geniessen darf, oder dass seine Frau Kerstin ihn zu einem Kochkurs anmeldet.
Jedenfalls scheint auch die nächste Generation Risotto-Köche des TV Stein die Sache im Griff zu haben, so dass die Tradition fortgesetzt werden kann. „Die machen das jetzt die nächsten 30 Jahre“, erklärte Hans Strebel am Sonntag. Sofort erklang aus drei Kehlen ein deutliches „nein, nein, nein“. Es kann jedoch sein, dass Marcel Adler, Dominik Häfeli und Gianluca Concas den Job so schnell nicht mehr loswerden.

Bild: Zwei Generationen am Risottotopf: Hans Strebel, Marcel Adler, Dominik Häfeli, Gianluca Concas, Rocco Olivadese (von links). Foto: Jörn Kerckhoff

Damit jeder, der jetzt Hunger bekommen hat, das Risotto auch nachkochen kann, ist hier das Rezept des TV Stein für vier Personen.
Zutaten: 400 g Schweinefleisch, 250 g Risottoreis, zwei Zwiebeln, Steinpilze (je nach Geschmack), geriebener Parmesan, ein paar Safranfäden, Weiswein, Butter, Bouillon, Sahne, Aromat, weisser Pfeffer, Chiliflocken, Paprika

Das Schweinevoressen anbraten in Bratbutter, die gehackten Zwiebeln glasig mitdünsten, den Risottoreis zugeben, bis er glasig wird. Mit Weisswein ablöschen, die kleingeschnittenen Steinpilze unterrühren, Bouillon zugeben. Mit Aromat, weissem Pfeffer, Chiliflocken und Paprika abschmecken, Butter zugeben. Kochen lassen, bis die gewünschte Konsistenz des Reises erreicht ist, Sahne zugeben, kurz weiter kochen und servieren. Vor dem Geniessen Parmesan je nach Geschmack unterrühren.

Und damit die Bundesfeier nicht nur auf das Essen reduziert wird, hier auch noch die Ansprachen von Gemeindeammann Beat Käser, die dann doch länger ausfiel als angekündigt, im Wortlaut:

Wir feiern heute gemeinsam den Geburtstag unseres Landes. Bei einem Geburtstag gratuliert man dem Jubilar, bei einem hohen Geburtstag wie dem 731. erst recht.
Und weil wir alle die Schweiz sind, gratulieren wir uns selber. Das ist mit der schweizerischen Bescheidenheit nicht der Normalfall, dass man sich selber gratuliert. Aber schon das zeigt, dass die Schweiz etwas Besonderes ist, auf das wir stolz sein dürfen. Wir alle Tragen dieses Land, wir prägen es, wir entscheiden, wie es sich entwickeln soll. Wir sind die Schweiz.
Geschätzte Anwesende, liebe Festgemeinde, liebe Gäste
Ich heisse Sie an unserer Bundesfeier herzlichen willkommen.
Es freut mich sehr, dass, nach zwei Jahren, wir heute die Bundesfeier wieder durchführen können. Denn genau solche Anlässe sind wichtig für die sozialen Kontakte. Daher halte ich mich heute kurz, richte aber trotzdem ein paar Worte an Sie.
Ich will vermeiden – was wir Politikerinnen und Politiker gut können –, Sie mit irgendwelchen politischen Sticheleien zu quälen, und was wir auch noch sehr gut können – Sie mit den ewig gleichen, langatmigen, patriotischen Phrasen zu langweilen.
Das Sprichwort „Aller Anfang ist schwer“ hat mich beim Schreiben von meinem Grusswort aber noch in einer anderen, ganz praktischen Art eingeholt. Mich hat nämlich die Frage beschäftigt, wie ich denn heute Abend die Anrede gestalten soll.
Warum hat mich aber die Frage dieser Anrede so sehr beschäftigt? Sie müssen wissen, dass bei einer politischen Rede – und dazu gehören sicher auch 1.-August-Ansprachen -, dass es bei solchen Reden ganz klare Gepflogenheiten gibt, wie die Begrüssung zu erfolgen hat. Aber irgendwie fand ich, dass eine hierarchisch gegliederte Begrüssung heute Abend nicht so richtig passen würde.
Warum das?
Als ich in der Vorbereitung für das heutige Grusswort wieder einmal meine alten Schulbücher hervorgenommen habe, um ein wenig über den 1. August und den Rütlischwur nachzulesen, so habe ich dort im Schulbuch natürlich auch die berühmten und uns allen bekannten Zeilen aus dem Drama «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller gefunden. Im zweiten Aufzug lässt er im Mondeslicht auf dem Rütli die drei Eidgenossen ihren Bund mit folgenden Worten besiegeln:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern.
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren.
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Es ist die dramatische Zuspitzung eines grossen deutschen Dichters. Der Bundesbrief von 1291, der im Bundesbrief-Archiv in Schwyz aufbewahrt wird, hat eine viel nüchternere Sprache. Und trotzdem: Die Worte von Schiller sind stark und bringen die wichtigsten Beweggründe der damaligen Verfasser des Bundesbriefes gut auf den Punkt.
Und wegen diesem Wunsch nach der Gleichheit aller Menschen, die für mich in diesen Worten zum Ausdruck kommen, war für mich schnell klar: Eine Begrüssungsformel, welche die Mandatsträgerinnen und -träger speziell erwähnt, ist bei anderen Anlässen absolut angebracht, am 1. August ist die eher unpassend.
Aber wie soll ich Sie dann begrüssen?
«Ein einzig Volk von Brüdern», heisst es bei Schiller.
Wir sind nicht nur ein Volk von Brüdern, sondern auch eines von Schwestern. In Anlehnung daran bin ich darum kurz versucht gewesen, meine Rede mit «Liebe Brüder und Schwestern» anzufangen. Ich habe diese Idee dann allerdings schnell wieder verworfen, sie hat für mich nicht gepasst.
Welche weiteren Möglichkeiten gibt es also noch?
«Liebe Frauen und Mannen» würde zwar ganz gut passen, das sind aber Christoph Blochers Worte und ich will ihn ja nicht kopieren.
Dann gäbe es noch «Liebe Genossinnen und Genossen». Diese Begrüssungsformel ist links besetzt und etwas veraltet und verstaubt.
Aber eigentlich muss ich Ihnen gestehen, finde ich es schade, dass die Anrede «Liebe Genossinnen und Genossen» so klar links verortet wird, denn eigentlich würde sie ganz gut zum heutigen 1. August passen. Denn sind wir nicht alle auch Genossinnen und Genossen? Wir alle sind Teil eines Staates, der als weltweit einziger den Begriff «Genosse» im Namen hat. «Schweizerische Eidgenossenschaft», so lautet die offizielle deutsche Bezeichnung für unseren Staat. Und als Bürgerinnen und Bürger dieses Staates sind wir somit alle auch Genossinnen und Genossen – also Eidgenossinnen und Eidgenossen nämlich.
Aber damit ich niemanden vergesse, habe ich mich sie haben es vorhin gehört, für eine relativ neutrale Anrede entschieden:
Geschätzte Anwesende, liebe Festgemeinde, liebe Gäste.
Und somit bin ich auch schon am Schluss von meinem Grusswort.
Ich bedanke mich herzlich bei der Risottomannschaft, dem TV Stein für die Festwirtschaft, allen Musikern, der Gemeindeverwaltung fürs Organisieren des heutigen Abends, den Mitarbeitern des Gemeindewerks fürs Aufstellen und selbstverständlich Ihnen, liebe Festbesucherinnen und Festbesucher, dass Sie mit uns den Geburtstag der Schweiz feiern.
Zum weiteren Programm von heute Abend:
Jetzt singen wir gemeinsam unsere Nationalhymne. Bis um 22 Uhr wir uns Benny musikalisch unterhalten. Um 22 Uhr ist der Lampionumzug. Es würde mich freuen, wenn so viele wie möglich dran teilnehmen. Nach der Rückkehr vom Umzug gemütliches Zusammensein und musikalischer Ausklang mit Benny.
Ich wünsche Ihnen allen einen gemütlichen Abend und morgen einen schönen 1. August.
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