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Wallbach

(bk) Niemand wird gerne getadelt und auf Fehler hingewiesen. Wer vorher schon in Alarmbereitschaft ist, dem bleibt nur noch Kampf oder Flucht. So wie bei traumatisierten Kindern. Eine Fachtagung zur Thematik Trauma und Marte Meo fand kürzlich in Wallbach statt.

Wer wird schon gerne auf Fehler hingewiesen. Den meisten Menschen hilft in solchen Momenten die Schaltzentrale des Hirns, adäquat damit umzugehen. Traumatisierte Kinder sind jedoch permanent in Alarmbereitschaft, und sie kippen bei unvorhergesehenen Momenten ins Notfallprogramm. In diesem Zustand stehen nur noch Kampf oder Flucht zur Auswahl. Und das kann Wutanfälle und Schlimmeres bedeuten, die für Aus-senstehende völlig unverständlich sind und fassungslos machen.
Was ist überhaupt ein Trauma und wie kommt es zu traumatisierten Kindern? Darüber sprach Ende September die deutsche Traumapädagogin Hildegard Rausch in Wallbach vor rund 40 Fachpersonen aus der ganzen Schweiz. Eine traumatische Erfahrung entsteht, wenn eine Person bei sich selbst oder als Beobachter ein oder mehrere Ereignisse erlebt, die den tatsächlichen oder drohenden Tod, ernsthafte Verletzungen oder die Gefahr der körperlichen und psychischen Unversehrtheit beinhalten.
Das bedeutet also, es besteht eine lebensbedrohliche Situation, Kampf und Flucht sind nicht mehr möglich, die Person ist total hilflos. Die Referentin nennt dies die «traumatische Zange». Als Zuhörer spürt man förmlich, wie ohnmächtig man sich dabei fühlen muss, wie gelähmt oder wie man gar zerrissen wird.

Psychische Folgen
Traumas auslösen können Gewalthandlungen, Vernachlässigungen, Verluste durch Trennung oder Tod, Naturkatastrophen, aber zum Beispiel auch Unfälle, die notfallmässige Versorgung zur Folge haben. Auch die Attacke eines Hundes kann nebst den äusseren auch Spuren im Innern hinterlassen.
Bei Kindern sind die psychischen Folgen umso dramatischer, desto jünger sie sind und je näher ihnen die auslösende Person steht. In vielen Fällen gibt es keine bewussten Erinnerungen, aber im Gedächtnis des Körpers hat es sich eingebrannt. Deshalb können sogenannte Trigger ganz unvorbereitet Stressreaktionen auslösen und das Gehirn mit Botenstoffen überfluten. Trigger können Geräusche sein, Bilder, Gesten, Gerüche und vieles mehr.
Die Referierende hat nebst ihrem Fachwissen in Sachen Trauma auch alle Stufen der Marte-Meo-Ausbildung in Holland durchlaufen. Dort, bei der Begründerin der Methode, lernte sie Claudia Berther kennen, die Organisatorin des Anlasses.

Grundlagen zur Therapie
Wie können traumatisierte Kinder und ihren Bezugspersonen im Alltag unterstützt werden? Diese Frage zu beantworten, dafür war der zweite Teil der Tagung vorgesehen. Als Hilfe für den Alltag eignet sich die Marte-Meo-Methode hervorragend. Sie kann keineswegs eine Therapie ersetzen, aber sehr gut ergänzen. Oder gar erst die Grundlage schaffen, dass eine Therapie möglich wird. Marte Meo ist eine videobasierte Methode, die zum Ziel hat, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Das heisst, es werden Filmaufnahmen gemacht von alltäglichen Situationen und diese Filme werden dann mit geschultem Auge angeschaut und ausgewertet. Dabei werden insbesondere die positiven Momente gesucht und auf diese die Schwerpunkte gelegt. Die gute Nachricht vorneweg: Diese positiven Signale gibt es immer. Im Alltag, wenn es mal wieder drunter und drüber geht, werden diese aber nicht mehr wahrgenommen. «Wenn ich nichts Gutes erwarte, dann sehe ich es auch nicht», fasste die Referentin dieses Phänomen zusammen.
Ein Teilnehmer erzählt in der Pause, dass er selbst Marte Meo aus seiner letzten Tätigkeit in einer grossen Institution für Menschen mit Behinderung kennengelernt hatte. Ihn hat das Vorgehen bei Selbstversuchen überzeugt, und so konnte er auch seine Mitarbeiter begeistern. Mittlerweise ist er als Dozent tätig an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Zizers und gibt dort gerne einen Einblick in diese Methode.

Neue Erfahrungen
Im weiteren Verlauf präsentiert die Referentin Filmausschnitte, die zeigen, wie sie die ausgewerteten Filme gemeinsam mit den Kindern anschaut. Diese Reviews führen eindrücklich vor Augen, was es bei den Kindern auslöst. Wie es die betroffenen Kinder kaum glauben können, dass ihnen jemand etwas Gutes tun wollte. Oder zu sehen, dass sie jemandem eine Freude machen konnten. Das alles ist für diese Kinder oftmals eine ganz neue Erfahrung.
Es kann auch für einen Vormund eine neue Erfahrung sein, sein Mündel in einem ganz neuen, realistischen Licht zu sehen. Diese Rückmeldung eines Vormundes an Hildegard Rausch ist ihr in prägender Erinnerung geblieben, denn ein Vormund bestimmt doch sehr viel mit im Leben des betroffenen Kindes und hört und liest sehr oft nur von den Dingen, die nicht gut laufen.
Viele der Kinder möchten die Filmausschnitte mit den wohlwollenden Momenten wieder und wieder anschauen. Und das ist gut so! Denn so können neue Spuren in ihren Gehirnen gebahnt und ausgebaut werden. Damit nebst den sechsspurigen Autobahnen mit den bisherigen Verhaltensmustern neue Wege entstehen können. Und dadurch diese «Trampelpfade», wie sie die Referentin nennt, immer breiter und sicherer werden können.

Bild: Referentin Hildegard Rausch (links) und Organisatorin Claudia Berther (rechts). Foto: Brigitte Keller
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