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Zeiningen

Die Bundesfeier in Zeiningen wurde abgesagt, die Festrede von Regierungsrat Dr. Markus Dieth ist nachfolgend jedoch zu lesen.

Hand und Herz für die Schweiz
Sehr geehrte Frau Gemeindeammann, liebe Gisela, liebe Zeiningerinnen, liebe Zeininger, liebe Gäste, ich verbinde mit Zeiningen blühende Kirschbäume und natürlich Roland Brogli. So freut es mich besonders, am Lebensmittelpunkt meines Freundes und Vorgängers im Departement Finanzen und Ressourcen und mit Ihnen die Schweiz, unsere Heimat zu feiern.
Die Schweiz gibt uns sehr viel. Im Gegenzug verlangt sie wenig. Wie die meisten von Ihnen bin auch ich heute mit leeren Händen an dieses Geburtstagsfest gekommen. Und dabei ist es sogar ein "Runder". 730 Jahre ist die Schweiz bereits Heimat für Generationen von Schweizerinnen und Schweizern. Ihre Schönheit hat unser Land mit dem Alter nicht verloren. Die Lebensqualität, die es uns bietet, ist heute wohl so hoch wie nie. Wir leben selbstbestimmt, wir leben in Wohlstand, Freiheit und Sicherheit. Darum ist der Geburtstag unserer Schweiz ein Freudentag. Es ist ein Anlass, an dem wir uns ungezwungen treffen können. Uns austauschen, bei Musik, unserer Nationalhymne und spannenden Begegnungen. Und in diesem Jahr haben wir doppelten Grund, diesen Freudentag zu feiern. Endlich können wir uns wieder persönlich treffen – Aargauerinnen und Aargauer, Zeiningerinnen und Zeininger, Schweizerinnen und Schweizer. Wir haben lange darauf gewartet und wir haben lange darauf hingearbeitet: mit Geduld, Disziplin und Solidarität. Grund, stolz zu sein Ich bin mir sicher, der Stolz auf das Heimatland brennt in jeder und jedem von uns. In vielen Fällen ist es eine gesittete Flamme, kein unkontrollierbares Feuer. Wir Schweizerinnen und Schweizer frönen nicht einem unreflektierten Patriotismus. Wir sind zwar emotional mit unserem Land verbunden, hinterfragen uns aber ständig aufs Neue. Wir hadern immer wieder mit politischen Entscheiden, mit vermeintlich zu kleinen Schritten, mit der neutralen Zurückhaltung oder mit der Fussballnationalmannschaft. Wenn es um die eigene Heimat geht, ist der Eidgenosse ein kritischer Zeitgenosse. Zu unrecht. Gerade wir haben allen Grund, stolz zu sein auf unser Land. Und es gibt viele gute Gründe, um stolz zu sein. So viele, dass ich wohl nicht zwei gleiche Antworten erhalten würde, wenn ich heute in die Runde fragen würde: Warum sind Sie stolz auf die Schweiz? Besonders stolz bin ich auf unsere Mitbestimmungsrechte und die Möglichkeit die Zukunft unseres Landes, unseres Kantons und unserer Gemeinde selber zu gestalten, mitzubestimmen. Ich bin stolz auf unseren schweizerischen Föderalismus.

Schweizerisches System – auch krisenfest
Die erste grosse Krise in diesem Jahrhundert hat eindrücklich gezeigt, dass unser schweizerisches System, mag es auch komplex und schwerfällig sein, nicht nur in normalen Zeiten bestens funktioniert. Wir haben die Krise nicht schlechter gemeistert als zentralistische Staaten. Ich wage sogar zu behaupten: besser. Auch wenn, wie das im Föderalismus so üblich ist, alle mit- und reingeredet haben. Die Schweiz funktioniert bestens. Auch im Krisenmodus. Es hat zwar heftig gequietscht. Es gab Misstöne. Es gab Zuständigkeitsprobleme; von Flickenteppich und Kantönligeist war die Rede. Aber das komplizierte Uhrwerk hat sich auch in der aussergewöhnlichen Lage eingespielt. Diese Krise ist, so hoffe ich, bald vorbei. Es werden andere kommen. Es gilt nun, an den richtigen Stellen zu ölen und einige Schrauben anzuziehen. Das vergangene Jahr hat eindrücklich gezeigt, dass unser Land krisenfest ist, dass unser politisches System auch in der Krise taugt. Wir dürfen heute am 1. August darauf stolz sein und dies auch feiern und vielleicht auch mal ein Schweizerkreuz in den Cervelat ritzen.

Schweizer Milizsystem
Aber zurück zu unserer Hauptperson. Zurück zur Schweiz. Auch wenn ich die Schweiz vorher mit einem Uhrwerk verglichen habe, so ist sie kein Staat mit anonymer oder abstrakter Macht. Wir alle haben schon über "die in Bern oben" gewettert, die sowieso machen, was sie wollen. Und Sie haben sicher auch schon über "die in Aarau" geschimpft. Und doch ist es eben so, dass all diese politischen Vertreter, Menschen wie wir alle sind: Auch Politiker sind Menschen. Dank unserem Milizsystem ist gewährleistet, dass unsere öffentlichen Ämter mit gewählten Personen besetzt sind, die auch noch einen anderen Beruf kennen. Diese Menschen bringen sehr vielfältige Erfahrungen mit, das ist auch wichtig, wenn sie später Berufspolitiker werden sollten. Es braucht diese Bodenhaftung – und dies kann man nicht in einem Kurs lernen, dies muss man erfahren und erleben. Mit diesem System gibt es auch diese unsägliche Trennung zwischen "wir Bürger" und "sie Politiker" nicht. Denn jeder und jede mit rotem Pass hat das Recht, sich politisch zu engagieren, etwas zu bewegen. Und das ist auch erwünscht. Ich sage immer gerne: Wer nicht handelt, wird behandelt. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal auf den Tisch klopfen oder in die Tasten hauen. Wir haben unsere Zukunft selber in der Hand. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, in dem Bürgerinnen und Bürger so viele politische Einflussmöglichkeiten haben. Sie ärgern sich über etwas? Sie können mit ihrem (vielleicht Nachbarn) Gemeindepräsidenten sprechen, sie können sich an der Gemeindeversammlung einbringen, Sie können eine Petition lancieren, Sie können einem Initiativ-Komitee beitreten, Sie können sich in einer Partei engagieren, Sie können sich selber für ein politisches Amt aufstellen lassen. Und zur Eigenart der Schweizerinnen und Schweizer gehört es eben auch, dass Politikerinnen und Politiker in ihrem Privatleben in Ruhe gelassen werden. Sie sind im Supermarkt anzutreffen, wie andere auch. Sie brauchen keinen Geleitschutz, Sie brauchen keine gepanzerten Fahrzeuge. Sie sind mitten unter uns und aus unserer Mitte.
Politische Beteiligung in der Schweiz ist nicht nur erwünscht, sondern auch eine Notwendigkeit. Unserem Schweizer Bundestaat oder besser Bürgerstaat entspricht es, dass wir uns aktiv einbringen, dass der Staat wir alle sind, indem wir über Sachfragen abstimmen und eben im Rahmen des Milizsystems Aufgaben übernehmen können. Wir alle können das. Es ist alles erlernbar und wir sind ja schon heute aktive Bürgerinnen und Bürger, die abstimmen und wählen und vielleicht auch Parteimitglieder sind. Vielleicht sagen Sie: Ich habe keine Zeit. Ja, das verstehe ich. Heute wird bei der Arbeit mehr denn je Erreichbarkeit rund um die Uhr verlangt. Schweizerinnen und Schweizer arbeiten im europäischen Durchschnitt viel mehr Stunden, als die Menschen in unseren Nachbarländern. Aber für unsere Schweiz, für unsere eigene Zukunft sollten wir Zeit haben. Und ja, es ist auch so, dass politische Ämter sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich plaudere aus dem Nähkästchen, wenn ich Ihnen sage: Es lohnt sich. Es ist spannend. Sie lernen so viel über die Schweiz, über unsere Institutionen, über unser Gemeinwesen und Sie lernen viele spannende Menschen kennen. Und das Wichtigste: Sie können wirklich etwas bewegen. Etwas gestalten.

Grenzen des Milizsystems
Die Schweiz ist eine einzigartige Institution. Sie stiftet Identität zwischen Bürger und Staat, sie stärkt Kompromissfähigkeit und Konsens, sie gewährleistet soziale Sicherheit und Ausgleich und sie hält sogar noch die Bürokratie einigermassen in Schranken. Denn wenn in anderen Ländern das Regieren von Gemeinden auf die Verwaltungsebene verschoben wird, sind in der Schweiz gewählte Volksvertreterinnen und Vertreter am Zug. Wer sein Geld oder das Geld seiner Gemeinde selber investieren darf, der macht das mit Bedacht und sparsam. Da ist die direkte Betroffenheit so gross, dass die Lösungen immer auch zur Gemeinde und zu den Gemeindefinanzen passen. Und das ist auch gut so. Aber es gibt auch Grenzen des Milizsystems. Da sind die vielen sehr kleinen Gemeinden, die niemanden mehr finden, der oder die sich dieser Ämter annehmen will. Ab einer gewissen Grösse wird das in der Tat kritisch. Ebenso hat auch die Komplexität zugenommen. Politikerinnen sollten auf allen Fachgebieten gleichermassen Fachleute sein. Aber was zählt ist, dass wir zuhören, dass wir zusammen gute Lösungen suchen und erarbeiten und dass wir unseren gesunden Menschverstand anwenden. Das gilt für alle politischen Ebenen und gerade auf Gemeindeebene ist das Gestalten besonders ergiebig, liegt es doch sozusagen vor der eigenen Haustüre.

Dank
Und fast direkt vor der Haustüre finden auch unsere hoch geschätzten Feiern zum Nationalfeiertag statt. Hier können wir zusammen unser Heimatland feiern, und uns Angesicht zu Angesicht austauschen. Hier ist Freude zu Hause. Es sind diese Anlässe, die mir immer wieder zeigen: Die Schweiz und ihre Menschen sind wunderbar. Und der Aargau sowieso ganz besonders. Und noch mehr: Wir haben auch als Gesellschaft in den letzten Monaten gezeigt, dass wir zusammen Grosses erreichen und schwierige Zeiten durchstehen können. Die Schweiz gibt uns sehr viel. Im Gegenzug verlangt sie nur etwas: Dass wir mitmachen, mit Hand und Herz. In diesem Sinne lege ich Ihnen allen nahe: Engagieren Sie sich für unsere schöne Schweiz. Es ist Ihr gutes Recht und Ihr Einsatz wird auch geschätzt! In unserer Schweiz haben alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sehr weitreichende politische Rechte. Nutzen Sie diese! Denn die Schweiz braucht Sie – braucht uns alle. Danke.

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