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Kaiseraugst

Matthias Fahrni 2018. Foto: zVg

Er lebte in dem Haus, das der Schreibende heute bewohnt. Derzeit kommt er ab und zu zurück, um den Garten neu zu gestalten. Das gibt Gelegenheit, gemeinsam in der Vergangenheit zu graben.

ANDREAS FISCHER*

1963 im Garten des Pfarrhauses. Foto: zVgMatthias Fahrni kam als Zweijähriger nach Kaiseraugst, «ich war kein Schmid und kein Lützelschwab, ein Fremder also und erst noch ein Pfarrerssohn», erzählt er, «doch ich liebte das Dorf», das Haus, wo er im Keller sein eigenes Zimmer hatte, den Garten, wo er mit Freunden Fussball spielte. Jeder hatte seinen Spitznamen. Wenn man Matthias in den Sommerferien von irgendwo her eine Postkarte schrieb, adressiert mit «Tschässi, Chaiseraugscht», dann kam sie an. Zu seinen Kumpels gehörten «Magge», «em Scheriff si Sohn», «Opel», «Wulli» und die Secondos der Gastarbeiter bei den Firmen Frey und Rotzinger.
Mit ihnen zusammen bildete man ein Team fürs Grümpelturnier, Tschässi als Eisenfuss hintendrin, zusammen mit Pierluigi, der noch einen Kopf grösser war als der selber grossgewachsene Matthias, es war Catenaccio pur, unschön anzuschauen, aber erfolgreich. Eigentlich wollte sich die Truppe «Tschingge» nennen, doch der einzige Schweizer ausser Tschässi fand, das gehe nicht, und als man am Samstag auf dem Fussballplatz erschien, hatte er die Mannschaft kurzerhand in «Gastis» umbenannt.
Matthias absolvierte die Bez in Rheinfelden und das Gymnasium auf dem Kohlenberg in Basel. Fleissig war er nicht, dafür oft im Kino, am Montag gab's jeweils zwei Filme für fünf Franken, «zwischen 1972 und 1984 habe ich mehr oder weniger jeden Film gesehen». Und viel Stutz dafür ausgegeben, den er mit Ferienjobs wieder reinholte, auf dem Bau und beim Ausgraben der Ruine Frohburg bei Olten unter der Leitung des Geschichtslehrers und späteren Archäologieprofessors Werner Meyer, Übername «Burgen-Meyer».

Im Jahr 1975. Foto: zVgRatten und Rückgrat
An Ostern 1975 wurde das AKW-Gelände besetzt, ein paar Dutzend Leute tauchten auf, langhaarig, bärtig, es regnete. Der Streit ums AKW spaltete das Dorf, die Befürworter gingen in den Adler, den Leue, die Gegner trafen sich im Bahnhöfli. Es wurden Nagelbänder gelegt, auf Plakaten war zu lesen: «Die Ratten müssen weg». Matthias‘ Vater, zwischen den Fronten, bangte um seinen Job, der Sohn warf ihm mangelndes Rückgrat vor, heute sieht er das anders.
Nach dem Militär – «siebzehn Wochen für d Füchs» – ging Matthias zur älteren Schwester nach Italien und half ihr, das Haus umzubauen. Noch heute ist er italophil.
Dann fing er an, an der Uni Basel Geschichte, Ethnologie und Geographie zu studieren. Doch verbrachte er die Zeit meist mit Hundespaziergängen, der Schäferhund seiner damaligen Freundin folgte ihm aufs Wort, er schwamm und spielte mit ihm, im Dorf ging das Gerücht um, Matthias sei jetzt Nachtwächter und der Hund ein Schutzhund. Nach zwei Jahren hängte er das Studium an den Nagel und ging zum Berufsberater.
Matthias schaute eine lange Liste mit Berufen durch, Sozialarbeiter wollte er nicht werden, das Feld war durch die Mutter besetzt, schliesslich kam er auf Landschaftsarchitektur, absolvierte ein entsprechendes Praktikum bei der Stadtgärtnerei Basel, besuchte die Fachhochschule in Rapperswil. Dort gewann er bald den Eindruck, das sei ein Kindergarten für Erwachsene. Die naturwissenschaftlichen Fächer interessierten ihn sowieso nicht, als der Mathematiklehrer ihm, inzwischen fünfundzwanzig Jahre alt, androhte, wenn er nicht ruhig dasitze, bekomme er eine schlechte Note, lachte er laut auf, erhob sich und sagte, er verlasse hiermit diesen Laden, und zwar für immer. Dem Architekturdozenten Peter Erni ist es zu verdanken, dass es anders kam. Er nahm sich den jungen Mann zur Brust und sagte ihm, er soll jetzt mal weitermachen und nicht immer «furtsekkle». Und tatsächlich: Das Studium gefiel Fahrni immer besser, er schloss ab, arbeitete kurze Zeit als Angestellter im Tessin, merkte, dass er sich selbstständig machen wollte, kehrte zurück nach Basel. Es begannen die langen linearen Phasen im Leben von Matthias Fahrni.

Tschässi 1990. Foto: zVgPerfekte Chemie
Am 1. Mai 1986 gründete er gemeinsam mit seinem Studienkollegen Beat Breitenfeld die Landschaftsarchitektur-Firma «Fahrni und Breitenfeld». Warum ausgerechnet mit dem Beat, fragte damals einer der Rapperswiler Dozenten. Die Antwort lautete: «Beat ist pünktlich, zuverlässig und genau. Und er kann schön schreiben.» Das sind alles Eigenschaften, die Matthias nicht sein Eigen nennt. «Ich bin», sagt er von sich, «eher chaotisch, dafür wage ich mehr». Die Chemie passte perfekt.
Ein Jahr zuvor hatte Matthias Fahrni als Lehrer an der Gewerbeschule Muttenz angefangen, zu Beginn habe er da jeweils einen Informationsvorsprung von zwei Stunden gehabt, erzählt er lachend, aber der Job gefiel ihm, und er machte ihn gut. Ebenso lang ist er mit seiner heutigen Frau Sibylle zusammen, die er bei einer Tannzapfenschlacht und einem der letzten Miles Davies-Konzerte kennenlernte, «nach einer Penne all’arrabbiata hatte ich sie dann endgültig im Sack».
Die beiden wohnen seit über drei Jahrzehnten im Bachletten-Quartier in Basel, in einer Wohnung, aus der man Matthias Fahrni nur noch mit den Füssen voran rauskriegen wird. «Das kann gut und gern noch eine Weile dauern. Doch immerhin habe ich inzwischen schon zum vierten Mal mein bedingungsloses Grundeinkommen bezogen.» Schule gibt Fahrni, weinenden Auges, seit zwei Jahren nicht mehr, im Büro ist die Nachfolgeregelung aufgegleist. Soweit es Knie, Hüften und Rücken zulassen, unternimmt er Wanderungen, er macht Ferien in Italien, liest Krimis, vorzugsweise solche mit politischem Tiefgang wie jene von Wolfgang Schorlau, Journalist und einstiger «Azubi der Weltrevolution».

Alles ein Geschenk
Zwischendurch schreibt Matthias Fahrni selber Kolumnen im «Dialog», der Quartierzeitung des Bachletten. Er war lange Jahre Präsident des aus dem Häuserkampf entstandenen Quartiervereins, schrieb damals seine «Hirtenbriefe», wie er sie nennt, heute lautet das Label: «De Fahrni meint…». Matthias Fahrni hat ein Flair für Pointen («‘Integration‘ klingt wie eine Strafaufgabe für Neuzuzüger»), ein Faible für die Schnittstelle von Tiefsinn und Nonsens, wie sie etwa im Gedicht des grossen Dichterpfarrers Kurt Marti «etude für ballhorn» zur Sprache kommt («man soll den tag nicht vor dem absinth loben»), eine Affinität zur Anarchie, auch wenn er weiss, dass das keine funktionierende Staatsform ist.
Als Jugendlicher schrieb er, inspiriert von den Juxbriefen des Basler Schriftstellers René Schweizer, den Behörden, er würde gern per sofort eine Rente erhalten, weil er nämlich mit Fünfundzwanzig das Zeitliche segnen werde. Das sei, erzählt er fast beiläufig, damals tatsächlich seine Überzeugung gewesen. «Als ich dann am Morgen nach dem 25. Geburtstag mit einer leeren Weinflasche im Arm neben den Bahngleisen erwachte, wusste ich, dass alles, was nun folgt, ein Geschenk sei.»
Der Abend neigt sich der Nacht zu, es ist Zeit für die grossen Fragen und Themen. Eine äussere Instanz müsse er nicht bemühen, um im Anblick von Ulmen und Sternen ins Staunen zu kommen, sagt Matthias Fahrni, aber dieses «Tschudere» habe wohl etwas mit Spiritualität zu tun. Alles, was entstehe, vergehe, das gelte wohl auch für die Welt und jedenfalls für seinen Job, «ich bringe dauernd Dinge ins Leben, die eines Tages kaputt sein werden, das gehört dazu, und das ist das Geniale an der Landschaftsarchitektur».

Weihnachtsbaum im Pfarrhaus kurz und klein geschlagen
Und weiter: «Ich war als Jugendlicher jähzornig, einmal schlug ich den Weihnachtsbaum im Pfarrhaus kurz und klein, Theologie hat mich nie interessiert, und ich habe mich von meinem Vater beraten lassen, wie ich am einfachsten zur Kirche austrete, ich stand zwischenzeitlich, in der Häuserbesetzerszene in Italien und mit meinem radikalen Gerechtigkeitssinn, am Rand, mich zu radikalisieren. Doch meine Eltern glaubten sehr früh und tief an mich. Dieses Urvertrauen, dass ich immer auf die Füsse ‹gheie›, ist irgendwie geblieben.»
* Andreas Fischer ist reformierter Pfarrer in Kaiseraugst

Bilder (von oben nach unten:
Matthias Fahrni 2018.
1963 im Garten des Pfarrhauses.
Im Jahr 1975.
Tschässi 1990.
Fotos: zVg
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