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Kaiseraugst

Albrecht Dürer nachempfundenes Selbstporträt von Beat Frutiger. Foto: zVg

Königin, Krämer, Kind – der Tod verschont niemanden: Das ist die Message der mittelalterlichen Totentanzdarstellungen. Der Kaiseraugster Künstler fru (Beat Frutiger) hat sich davon inspirieren lassen für sein neustes Buch mit Bildern, die Body Painting und japanische Tuschmalerei verbinden.

ANDREAS FISCHER *

Beat Frutiger, geboren 1952 in Bern, arbeitete über drei Jahrzehnte als Kunstlehrer an der Sekundarschule Muttenz. Seit 2013 ist er freischaffender Künstler und Autor. Nun hat er, rechtzeitig auf den Totenmonat November hin, gemeinsam mit seinem Modell Sonja ein Buch mit dem Titel «Totentanz» herausgegeben.
frus Kunst führt Welten zusammen. Die Bilder sind aus dem Spannungsfeld von «Realismus und Idealismus, Naturalismus und Abstraktion» entstanden, sie verbinden, unter technischem Gesichtspunkt, Fotografie und Zeichnung, Body Painting und japanische Tuschmalerei. Und auch die Texte stellen unerwartete Bezüge her. Dabei entstehen für fru typische humorvolle Konstellationen. Da ist zum Beispiel der Pfarrer, der sich selber öffentlich geisselt – nicht etwa im Mittelalter irgendwo in fernen Landen, sondern vor ein paar Jahren hier ganz in der Nähe, in Sissach.

Frühere Seuchen und heutige Pandemie
Die Verknüpfungen von früheren Seuchen und gegenwärtiger Pandemie generieren Komik. Doch nicht nur: sie weiten den Horizont, sie relativieren und machen nachdenklich. Da werden mittelalterliche Schilderungen von Höllenqualen als «Verschwörungstheorie gigantischen Ausmasses» bezeichnet, und die im Mittelalter nach dem Heiligen Veit, dem Schutzpatron der Tanzenden, bezeichneten «Veitstänze» erinnern an manche – wie fru sie treffend nennt – «Tanzwutausbrüche» in Coronazeiten: Sie «tanzten allenthalben herum, mit grossen Sprüngen und vielem Geschrei und schämten sich dessen gar nicht.»
Die historischen Bezüge sind nicht die einzigen. Biografische kommen hinzu. Passend zum Totentanz erzählt fru archetypische Nahtod-Situationen: das Ertrinken, den Fall, die Grippe usw., mehrfach taucht die Formulierung auf: «Das war knapp.»
fru spielt Legendarisches ein wie die Begegnung feuchtfröhlicher Jugendlicher mit den trockenen Gerippen auf dem Friedhof, erwähnt Anekdotisches wie die Rutschbahn für tote Nonnen im Kloster Santa Maria Assunta bei Claro und Phänomenologisches wie die Bestattungspraktiken der Menschheit, die von der Einmauerung in Pyramiden im alten Ägypten bis zum Vogelfrass in Zentralasien reichen.

«Alles fliesst»
Die Texte sind voll von Transformationen. Der Tod verwandelt sich vom petit mort, wie die Franzosen dem Orgasmus sagen, zum endgültig-definitiv-ewigen Finish. Und umgekehrt. Alles ist im Fluss, «alles fliesst», panta rei, wie Heraklit einst sagte und fru heute sagt, obwohl er das Flussschwimmen nicht mag. Er lebt allemal am Rhein, wie wir alle, in gewissem Sinn. Hinter, unter allem Wandel bleibt die Konstante des Todes. «Das Einzige, womit ich mit Sicherheit im Leben rechnen kann, ist der Tod», schreibt fru. Und dann weiter: «Ich könnte ja noch einmal einen Versuch ins Leben machen.»

* Andreas Fischer ist reformierter Pfarrer in Kaiseraugst.

Bild: Albrecht Dürer nachempfundenes Selbstporträt von Beat Frutiger. Foto: zVg


Foto: zVgAusstellung
frus Totentanz-Bilder sind im November in Grossformat im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst zu sehen. Eröffnet wird die Ausstellung mit dem Gottesdienst am Sonntag, 17. Oktober (Beginn: 10 Uhr). Besichtigung der Ausstellung ausserhalb der Gottesdienste nach Absprache.
Kontakt:

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