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Kaiseraugst

Autor Jan Peters(mve) Lebendig und inspirierend zeigte sich die Bundesfeier in Kaiseraugt, die in bewährter Weise bereits am Vortag des eigentlichen Feiertages stattfand. Als Gastredner konnte der Autor Jan Peters, der 1991 Kaiseraugst zu seiner Wahlheimat machte, gewonnen werden. Ein Gastredner der «etwas anderen Art», wie Gemeindepräsidentin Sibylle Lüthi bei der offziellen Eröffnung vorwarnte. «Es scheint mir offensichtlich, das hinter jedem Wort ein weiteres lauert.» Jan Peters – «...ich bin mir der grossen Ehre, heute hier vor Ihnen sprechen zu dürfen, durchaus bewusst...» – begab sich mit den vielen Gästen auf eine satirische Reise durch «seine Schweiz».

 

 

 «Aufgrund didaktischer Grundüberlegungen wird die Entfaltung meiner Gedanken auf der ganz persönlichen, sozusagen privaten Ebene beginnen, sich auf das Gemeindeniveau hocharbeiten, um dann, zum krönenden Abschluss, die Stufe der Eidgenossenschaft zu erklimmen», so Jan Peters, der bei seiner Rede – das konnte er sich nicht verkneifen – auch auf internationale Bemerkungen, unter anderem mit Blick auf die nördlichen Nachbarn, nicht verzichtete. Entlarvend, mit Witz, Ironie und Tiefgang spannte er einen Bogen von den kleinen alltäglichen Katastrophen bis hin zu politisch-gesellschaftlichen Missständen oder Unzulänglichkeiten. Eines immer im Auge behaltend: Seine Liebe zur Schweiz, seine Liebe zu Kaiseraugst.

 

 «Bei uns in der Gemeinde gibt es über 40 Nationalitäten verschiedener Religionen und verschiedenen Glaubens, die friedlich miteinander leben und sich akzeptieren und respektieren: Christen verschiedener Konfessionen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Juden, Agnostiker, Atheisten, Marxisten und noch viele andere mehr... Und alle sind wir Kaiseraugster. Am Vorabend des 1. August 2017 sage ich es laut und deutlich und aus tiefstem Herzen: Kaiseraugst in Switzerland – what else?» Das Kaiseraugster Publikum dankte es ihm mit grossem Applaus.

 

Gemeindepräsidentin Sibylle LüthiAbwechslungsreich zeigte sich auch das bunte Rahmenprogramm der Kaiseraugster Feier, die vom Gemeinderat und Theaterverein Kaiseraugst organsiert wurde. Für Unterhaltung sorgten die Engadiner Ländlerformation «Chapella Clavadatsch» und die Formation «Sorpresa». Nach Festakt und Lampionumzug luden «Angelo Pisano & Band» zum Tanz ein. Gefeiert wurde bis in die Morgenstunden. Fotos: Marianne Vetter

 

 

 

 

 

 

 

Die gesamte Rede von Jan Peters im Wortlaut:

«Kürzlich, am 7. und 8. Juli, fand in Hamburg das G20-Treffen statt. Da nicht kalkulierbar war, ob Teile der Bürgerschaft dies eventuell als willkommenes Signal für einen Volksaufstand ansehen könnten, stufte die Polizei das G20-Meeting als «Sonderlage» ein.

Am 31. Juli spricht Jan Peters zu Teilen der Kaiseraugster Bevölkerung. Auch hier erscheint die Einstufung «Sonderlage» angemessen.

Sehr geehrte Frau Gemeindepräsidentin

Geschätzte Mitglieder des Gemeinderates

Liebe Kaiseraugsterinnen und Kaiseraugster

Jenseits meiner nahezu unwiderstehlichen Neigung zur Satire möchte ich ausdrücklich erklären, dass ich mir der grossen Ehre, heute hier vor Ihnen sprechen zu dürfen, durchaus bewusst bin. Und dies eigentlich kein Anlass sein sollte, sich als unverbesserlicher Possenreisser zu profilieren. Eigentlich.

Meine Rede wird sich thematisch gesehen demjenigen widmen, was ich ganz subjektiv an «meiner» Schweiz schätze. Und im Besonderen an «meinem» Kaiseraugst, in dem zu leben meine Frau und ich seit 1991 das ungetrübte Vergnügen haben.

Aufgrund didaktischer Grundüberlegungen wird die Entfaltung meiner Gedanken auf der ganz persönlichen, sozusagen privaten Ebene beginnen, sich auf das Gemeindeniveau hocharbeiten, um dann, zum krönenden Abschluss, die Stufe der Eidgenossenschaft zu erklimmen.

Auch internationale Bemerkungen werde ich mir dabei nicht verkneifen können. Mit Blick auf unsere nördlichen Nachbarn, zu denen ich ja eine ganz besondere Affinität besitze.

Als Hommage an den grossen Kanton möchte ich mit dem weitgehend unbekannt gebliebenen hessischen Mundartdichter Goethe und einem Fragment aus dessen Darstellung der Schöpfung anheben:

 «Die Sonne tönt nach alter Weise
in Brudersphären Wettgesang,
und ihre vorgeschrieb’ne Reise
vollendet sie mit Donnergang.

Und schnell und unbegreiflich schnelle
dreht sich umher der Erde Pracht;
es wechselt Paradieseshelle
mit tiefer, schauervoller Nacht;

Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
am tiefen Grund der Felsen auf,
und Fels und Meer wird fortgerissen
in ewig-schnellem Sphärenlauf.»

Wenn Sie sich jetzt fassungslos fragen: «Warum fängt er denn bei Adam & Eva an, geht’s noch?», dann kann ich Ihnen versichern, genau dieselbe Frage habe auch ich mir lange gestellt!

Wie vorhin angekündigt, begeben wir uns nun, unmittelbar nach der Schöpfung, ohne die niemand von uns hier wäre, auf eine andere, sozusagen die private Ebene. Dazu wird es unvermeidlich sein, dass ich Sie für einen kurzen Moment in die geheimnisumwitterte Welt einer der Spätfolgen der Schöpfung – andere würden sagen: «einen Irrweg der Evolution» – namens Jan Peters entführe.

Kennen Sie das? Diese unheilvollen Tage, von denen man meinen könnte, sie seien einem von einer höheren Macht als ultimative Prüfung auferlegt worden? Tage, an denen man sich fragt: «Was habe ich alles auf dem Kerbholz, dass ich so grausam heimgesucht werde? Bin ich denn der Hiob aus dem Alten Testament, dem nichts erspart geblieben ist?»

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich einen finsteren Tag dieser niederschmetternden Art durchleben musste.

Bereits um 9 Uhr früh hatte mich meine geschätzte Gattin nachdenklich von oben bis unten, dann von unten bis oben gemustert und schliesslich geäussert: «Wer nichts Anderes mehr als Jogginganzüge trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Wir sollten nach Basel fahren und Dir was Ordentliches zum Anziehen kaufen.»

Wer wie ich schon länger verheiratet ist, weiss, dass Frauen längst nicht auf jeden ihrer Sätze eine Replik erwarten, geschweige denn wünschen.

Viele Stunden später trafen wir dann wieder in Kaiseraugst ein: mit sechs Polohemden, zwei Paar Schuhen sowie drei «hocheleganten» Hosen, wie der Verkäufer Frau Peters überzeugend versichert hatte. Dabei war meine bisherige Lieblingscordhose, an die ich mich gerade zu gewöhnen begonnen hatte, noch keine 6 Jahre alt, ohne die geringsten Abnutzungsspuren zu zeigen. Die Ärmste landete in der Altkleidersammlung hinter dem Friedhof.

Es gibt Lebensbereiche, in denen eine Verständigung zwischen Männern und Frauen nicht möglich erscheint. Auch dies ein Erfahrungswert.

Dann kam es Schlag auf Schlag und lag in meinem Briefkasten. Um nicht auch noch Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, in bodenlose Depressionen zu stürzen, liste ich diese Heimsuchungen einfach mal nur faktisch auf: Ihre Lebenserfahrung wird Ihnen unmittelbar erlauben, die zugehörigen Katastrophen zu ergänzen:

  • SWISSCOM informiert mich teilnahmslos darüber, dass ich demnächst nur noch über Internet telefonieren kann. Die geringfügige technische Installation, die eigentlich gar nicht der Rede wert sei, könne ich sicher selbst durchführen. Vorher müsse ich allerdings nur noch etwas Zubehör kaufen, dass es rein zufällig nur bei SWISSCOM gebe. Kostengünstig.

  • Die Batterie des schlüssellosen Zugangssystems zu meinem Hi-tech-Auto ist leer. Die Bedienungsanleitung zum kinderleichten Batteriewechsel liegt im Handschuhfach. Wo sonst?

  • Ich will mich telefonisch bei meinem Autohändler erkundigen, was zu tun wäre, um mein Auto aufzubrechen, ohne dass es sich mittels seiner Alarmanlage selbst in die Luft sprengt. Dies scheitert allerdings daran, dass SWISSCOM mein Telefon gerade lahmgelegt hat. Sie erinnern sich: Ich hätte eine «kleine technische Installation zu Vorzugspreisen» durchführen müssen, um mein Kommunikationssystem zu optimieren...

Gegen Abend dieses «dem Jüngsten» schon sehr nahen Tages fühlte ich mich wie gerädert, völlig zermürbt und musste zur Kenntnis nehmen, dass ich an einer Wegscheide meines Lebens angelangt war.

Die Zeit war gekommen, Bilanz zu ziehen; meinem Leben eine verlässliche Orientierung zu geben und mich selbst neu zu kalibrieren; es ging um nichts Geringeres, als gnadenlos Bilanz zu ziehen, eine ultimative Standortbestimmung vorzunehmen:

  • «Wer bin ich?»

  • Wo bin ich?»

  • Und warum?»

Als erste Versuchsperson hatte ich die ahnungslose Frau Peters auserkoren, die im Laufe unserer Ehe schon so manchen Belastungstest überstanden und sich insofern als eine bewundernswert widerstandsfähige Person erwiesen hat.

Ich stellte mich vor unseren mega-energiesparenden Triple-A-Kühlschrank, holte tief Luft, und sagte in entschiedenem, keinerlei Widerspruch duldenden Ton zu ihr: «Mein Name ist Peters, ich bin ein Kaiseraugster!»

«Welch ein Zufall», antwortete mein Gegenüber freundlich, «ich bin Frau Peters und wohne ebenfalls in Kaiseraugst.»

Dies war NICHT die Antwort, die ich erhofft hatte – mir war schlagartig der Wind aus den Segeln genommen.

Vielleicht, so dachte ich mir, ist zwischen Frau Peters und mir der Grad der gegenseitigen Bekanntschaft zu hoch, als dass ich sie mit solchen Sätzen beeindrucken könnte?

Vielleicht wäre mit einem Klassiker mehr Staat zu machen?

Ich erhob meine Stimme nach Art des dänischen Prinzen Hamlet und donnerte in Richtung unseres Home Cinemas: «Erdnüsse oder Cashews – wie war doch gleich die Frage?»

Da zerriss das Schrillen des Telefons unser trautes Heim.

Ich hastete in unseren Fernmelderaum und meldete mich höflich mit einem kundenorientierten: «Peters am Rohr, was ist jetzt wieder los?»

Am anderen Ende der Leitung befand sich ein sehr freundliches Mitglied des Kaiseraugster Gemeinderates, das mir erfreut mitteilte, dass vom Gemeinderat geplant sei, auch in diesem Jahr wieder den 1. August stattfinden zu lassen.

Ich war tief erstaunt, hatte ich doch fest damit gerechnet, dass dieses Jahr der August am 2. anfangen würde. Ich liess mir aber nichts anmerken, sondern gratulierte meinem Telefonpartner zu der mutigen Entscheidung, dem 1. August nicht tatenlos aus dem Weg zu gehen.

Mein Telefonpartner freute sich über meine Zustimmung und versicherte mir, dass der Gemeinderat die Sache voll im Griff habe.

Oder vielleicht auch, um ganz ehrlich zu sein, bis jetzt noch eher halb voll. Und ob ich denn das Glas zur Gänze füllen könnte, indem ich, am 31. Juli, abends, vor die weitgehend wehrlose Kaiseraugster Bevölkerung treten könnte – und so. Ich wisse schon.

Und überhaupt, als ich vor vier Jahren zum 1. August gesprochen habe, da sei der Gemeinderat während des Anhörens dieser etwas zerklüfteten Rede meinerseits ja bezüglich der negativen Bevölkerungsentwicklung bereits aufs Schlimmste vorbereitet gewesen.

Ganz so arg sei es dann aber doch nicht gekommen – im Monat August 2013, also NACH der Rede, hätten sich lediglich 30% der Bevölkerung bei der Gemeinde abgemeldet und seien mit der Bemerkung, «… man sei geduldig, belastbar und nachsichtig, aber ALLES müsse man sich ja auch nicht bieten lassen…» ohne Angabe einer neuen Adresse verzogen.

Meine Antwort an den Gemeinderat bezüglich der 2017er-Rede können Sie aus der Tatsache rekonstruieren, dass ich nunmehr hier vor Ihnen stehe.

Da wir uns im Lutherjahr befinden und um meiner Rede den ihr gebührenden historischen Tiefgang zu verleihen, möchte ich mich dem grossen Reformator aus Eisleben anschliessen und offiziell fürs Protokoll und die Presse mitteilen: «Hier stehe ich. Daheim könnte ich auf dem Sofa liegen!»

Werten Sie dies bitte als meinen ganz persönlichen Beitrag zur Reformation.

Kommen wir nun zum Hauptteil meiner Rede, der den eigentlichen Inhalt enthält. «Inhalt» ist etwas, was zum Beispiel den Reden vieler Politiker vollkommen wesensfremd ist. Bei MEINER Rede wird dies deutlich anders sein.

Worüber ich heute inhaltlich zu Ihnen spreche? ÜBERRASCHUNG!! ich spreche über den 1. August.

Auf der Suche nach dem Sinn des 1. August

Am 31. Juli 2013 hatte ich Ihnen von dieser Stelle aus zugerufen: «And therefore, as a free man, I take pride in the words: <Ich bin ein Kaiseraugster!>» Ich könnte Ihnen dies auch heute wieder entgegenschleudern, mein Manuskript zusammenräumen, es unter den Arm nehmen und zum verschärften Bratwurstessen und Biertrinken übergehen.

Und Sie könnten nichts dagegen ausrichten.

Aber so etwas mache ich nicht.

In der Ausarbeitung meiner heutigen Rede erschien es mir gar nicht schlecht, als Anfang derselben den Schluss der 2013-Rede aufzunehmen. Sie erinnern sich: «And therefore, …» Das führte umgehend zu der drängenden Frage: «Trifft dieser Satz auch heute, am 31. Juli 2017, auf mich zu?» Ich musste ihn also gnadenlos daraufhin testen, ob er auch heute noch verhebt!

Ich stellte mir die alles entscheidende Sinnfrage; jetzt aber nicht mehr wie vorhin vor meinem Kühlschrank im familiären Rahmen, sondern bereits eine Ebene darüber, auf Gemeindehöhe.

Gesagt, getan, begab ich mich am nächsten Morgen auf die Gemeinde, wo ich auf dem Flur Frau Gemeindepräsidentin Lüthi über den Weg lief.

Herzlich begrüsste sie mich mit einem freundlichen: «Guten Morgen, Herr Peters, geht es Ihnen gut?»

Dies bestätigte mich darin, dass ich zumindest administrativ noch nicht vollständig unter die Räder gekommen und in Bedeutungslosigkeit und Anonymität versunken war.

Kommen wir nach der Gemeindeebene nun zum dritten, dem nationalen Level. Und da fällt mein Blick sofort über den Rhein zu unseren nördlichen Nachbarn, die wir SEHR mögen – ohne uns dies pausenlos anmerken zu lassen.

Wir tun drüben im Deutschen übrigens einiges im karikativen Bereich und unterstützen dort regelmässig eine bedürftige Hartz-IV-Familie mit nennenswerten Beträgen.

Da wir als Schweizer aber grossen Wert auf Diskretion legen und diese Familie keinesfalls blossstellen möchten, nennen wir deren Namen NIE.

Aber heute ausnahmsweise und ganz unter uns: Ihr Name ist «Hieber».

Im letzten Jahr erlaubten wir Schweizer uns, den längsten Eisenbahntunnel der Welt zu eröffnen. Sie erinnern sich, das ist dieses endlos lange Loch, das wir unermüdlich durch das Gotthardmassiv gebohrt haben und das eine hervorragende, ökologisch sinnvolle Nord-Süd-Verbindung schafft.

Unser ehemaliger Verkehrsminister Moritz Leuenberger sagte dazu einmal in seiner lyrischen Art: «Wer am Sankt Gotthard baut, der baut gegen den Teufel.» Und wir haben Satan an unserem heiligen Berg besiegt!

Am Abend der Eröffnung des Gotthardtunnels meinte dann jemand im deutschen Fernsehen – ich glaube es war sogar mein Lieblingsjournalist Claus Kleber vom ZDF –, die Schweiz habe die Eröffnungsfeier hauptsächlich dazu genutzt, sich selbst ins rechte Licht zu setzen und eine endlose Selbstdarstellungsshow abzuziehen.

Das ist ja wohl auch der Gipfel: Wir Schweizer bauen in der Schweiz einen Schweizer Tunnel und haben dann sogar noch die Stirn, denselben schweizerisch zu eröffnen!

Wie denn sonst? Auf dem Münchner Oktoberfest? Oder was? Erstens haben WIR den Gotthard und nicht die Schwaben. Und unsere Berge durchlöchern WIR! Der Gotthard gehört uns, Germany!

Ihr könnt ja derweil bei Berchtesgaden den Obersalzberg perforieren, wenn ihr Langeweile habt; vielleicht findet ihr dort ja sogar das Bernsteinzimmer wieder, dessen ihr im 2. Weltkrieg verlustig gegangen seid.

Zweitens: Wenn unsere Basler Architekten Herzog und de Meuron den Hamburgern bei der Elbphilharmonie nicht entscheidend unter die Arme gegriffen hätten, dann würden dort jetzt nicht die besten Sinfonieorchester der Welt in einem der besten Konzertsäle der Welt spielen, sondern Udo Lindenberg sässe mit seinem Panikorchester bei Blohm & Voss im Schwimmdock Elbe 17 gegenüber den Landungsbrücken und sänge mit nassem Arsch: «Rudi Ratlos geigt den Tango».

So sieht das nämlich mal aus, liebe eidgenössische Freundinnen und Freunde!

Wir nähern uns jetzt langsam dem gravierendsten Teil meiner Rede zum 1. August, meine Damen und Herren; ab jetzt wird’s strikt patriotisch.

Behalten Sie trotzdem Platz.

Im Siegel der Vereinigten Staaten ist zu lesen: «E pluribus unum» – frei übersetzt: «Aus vielem wird eins» oder: «Einheit in der Vielfalt». Bei uns in der Schweiz steht das in keinem Siegel, dafür kann man es erleben.

Ich z. B. jeden Tag, wenn ich den Röstigraben überschreite. Den gibt es nämlich nicht nur vor Fribourg, sondern auch zwischen meinem Arbeitszimmer und demjenigen Teil unserer Stube, in dem die welsche Madame Peters ihr Pult hat.

Madame Peters legt Wert auf ihre stark französisch geprägte Kultur, u.a. auf Débussy, Monet und Saint-Saëns, auf Simone de Beauvoir, Flaubert, Stendhal und Reisen zum Lac Léman und nach Paris.

Was meine Wenigkeit betrifft, so habe ich nicht nur das preussische Exerzierreglement auswendig gelernt, sondern auch sehr aufmerksam Lessings Nathan den Weisen mit der berühmten «Ringparabel», Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau gelesen.

Ich lasse mir das zwar nicht unbedingt immer anmerken, es stimmt aber tatsächlich!

Und wenn ich zusammen mit Frau Peters die «Tänzerinnen» von Edgar Degas in Riehen und Caspar David Friedrichs «Wanderer über dem Nebelmeer» in der Kunsthalle in Hamburg bewundere, dann sehen wir überhaupt gar keinen Grund, uns NICHT zu vertragen.

Schliesslich schaffen wir das seit über 40 Jahren.

Und was ZWEI Menschen schaffen, das schaffen viele Menschen, die man in gewissen Zusammenhängen auch «Nation» nennen kann, auch.

Man muss sich allerdings schon ein bisschen Mühe geben – von selbst gelingt wenig auf dieser schönen Welt.

«E pluribus unum» – Einmal pro Woche gehen Madame Peters et moi in die Turnhalle Liebrüti. Dort sorgt Svitlana Meyer von Pro Senectute dafür, dass unsere und der anderen Teilnehmerinnen Knochen nicht völlig einrosten.

Und Svitlana Meyer kämpft mit vollem Einsatz und sichtlicher Empathie an unserer Seite.

Und wenn eines aus unserer Gruppe Geburtstag hat, dann singt unsere Turnschwester Svitlana für uns «Happy Birthday» auf Russisch.

Im Ostteil des Landes, aus dem Svitlana stammt, kann man morgens beim Aufstehen nicht sicher sein, den Abend noch zu erleben.

Und Svitlana Meyer ist eine Kaiseraugsterin.

Bei uns in der Gemeinde gibt es über 40 Nationalitäten verschiedener Religionen und verschiedenen Glaubens. Die friedlich miteinander leben und sich akzeptieren und respektieren: Christen verschiedener Konfessionen, Moslems, Hindus, Buddhisten, Juden, Agnostiker, Atheisten, Marxisten und noch viele andere mehr, die nicht unbedingt öffentlich in Erscheinung treten.

Und alle sind wir Kaiseraugster.

Und was im Mikrokosmos einer Gemeinde wie der unsrigen gelingt, warum soll das nicht auch national erfolgreich sein? Und wenn man zur Kenntnis nehmen könnte, dass «das Andere» im Anderen nicht bedrohlich, sondern durchaus auch den eigenen Horizont erweitern könnte, dann wäre dies doch eine Möglichkeit des Menschen und des Menschseins.

Und ich garantiere hier an dieser Stelle, heute am 31. Juli 2017, wenn wir so etwas langfristig und aus Überzeugung schaffen, dann wird Henri Dunant aus dem Himmel zu uns heruntersehen, und sagen: «Ich bin stolz auf Euch dort unten; dies ist die Schweiz, die ich mir gewünscht habe, als ich bei Solferino durch das Blut der unzähligen Toten und Sterbenden watete!

Die Schweiz des Erbarmens mit denjenigen, die zufällig unter ungünstigeren Sternen als denen unserer Heimat geboren wurden und Opfer dessen wurden, was sie nicht beeinflussen konnten.»

Und auch und gerade DAS, liebe Kaiseraugster Landsleute, sollten wie am 1. August feiern! Wir wollen nicht nur sein «ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr», wie Werner Stauffacher von Schwyz, Walter Fürst von Uri und Arnold von Melchtal aus Unterwalden sich 1291 auf der Rütliwiese am Vierwaldstättersee schworen; wir wollen nicht nur sein ein Land mit florierender Wirtschaft und anerkannt überdurchschnittlichen Dienstleistungen; wir wollen nicht nur sein ein Land, das für seine Präzision, Ordnung und Zuverlässigkeit geradezu sprichwörtlich geworden ist; und für den Fleiss und die Friedlichkeit seiner Bürger. Und nicht nur um den nachhaltigen Erfolg unserer direkten Demokratie sollten wir uns beneiden lassen.

Sondern es wäre ein hoher, ehrenvoller Dienst an der Menschheit, wenn wir immer daran denken würden, dass unser Land ein Land ist, in dem die Menschlichkeit sogar eine eigene Fahne hat. Die Fahne mit dem roten Kreuz, die Henri Dunant uns gegeben hat und die durch Farbumkehr ganz leicht zu unserer Landesfahne wird. Ein Zufall?

Und Henri Dunant war einer von uns.

Wer ist wirklich stärker: «Top-gun» Bomberbesatzungen über Aleppo, die per Knopfdruck ihre todbringende Fracht wie in einem Computerspiel über der geschundenen Stadt abladen und sie in Schutt und Asche legen – oder Helferinnen und Helfer des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds, die sich unter Einsatz ihres Lebens in den rauchenden Trümmern der Stadt über Verwundete beugen und versuchen, das grösste Leid wenig etwas zu lindern?

Die Schweiz hat eine lange Tradition darin, sich «über andere zu beugen». Und auf diese Tradition dürfen wir stolz sein. Und damit sollten wir niemals aufhören.

Wenn ich in Basel beim Centralbahnplatz vor Frédérique Auguste Bartholdis «Strassburger Denkmal» stehe, geht mir so einiges durch den Kopf: Die Mutter Helvetia gewährt den im benachbarten Elsass vom Krieg Heimgesuchten Zuflucht und beschirmt sie.

Ich habe schon sehr oft und sehr lange vor diesem Denkmal gestanden. Es erinnert mich immer stark daran, dass meine Frau und ich selbst einmal im Dezember 1988 als Fremde in dieses Land, in den Kanton Aargau, gekommen sind.

Wir kannten hier nur vier Menschen, als wir ankamen; und wurden doch von vielen aufgenommen. Als wären wir gerade aus den Ferien zurück nach Hause gekommen.

In einem solchen Land, mit einer solchen Tradition in Mitmenschlichkeit, da lebe ich für mein Leben gern.

Und am Vorabend des 1. August 2017 sage ich es laut und deutlich und aus tiefstem Herzen: Kaiseraugst in Switzerland – what else?»

Über den Autor Jan Peters
Jan Peters wurde 1947 im niedersächsischen Goslar am Harz geboren. Weitere Stationen seines Lebens in Deutschland waren Lüneburg, Frankfurt am Main und Schleswig-Holstein. Seit 1989 lebt Jan Peters mit seiner Frau in der Schweiz, seit 1991 in Kaiseraugst. Seit Dezember 2003 schreibt Jan Peters Glossen für das Satiremagazin «Nebelspalter». Bücher von Jan Peters (www.jan-peters.ch) sind im Buchhandel erhältlich.

 

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