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Kaiseraugst

 Ein Jahr lang begleitet Marco Baumgartner aus Kaiseraugst als unbewaffneter Freiwilliger im Auftrag von «Peace Brigades International» Friedensaktivisten auf ihrer Mission in Guatemala (wir berichteten). fricktal.info sprach mit ihm über seine bisherigen Erfahrungen.

MARIANNE VETTER

Herr Baumgartner, Sie sind jetzt über drei Monate für Peace Brigades International (PBI) in Guatemala im Einsatz. Wie geht es Ihnen?

Marco Baumgartner: Vielen Dank, mir geht es gut. Es freut mich, dass ich nach rund drei spannenden Monaten hier in Guatemala über die Arbeit von PBI, die politische Lage sowie die Menschenrechtssituation von Guatemala Auskunft geben darf.
Täglich lerne ich Neues von Menschenrechtsverteidigern, welche wir begleiten, von meinen Teamkollegen und Kolleginnen, von ehemaligen Freiwilligen und dem Projekt nahestehenden Personen und Organisationen. Es ist beeindruckend wie sich Menschenrechtsverteidiger und -verteidigerinnen unter den schwierigen Bedingungen und trotz vieler Hürden weiter für ihre Rechte einsetzen. Die Präsenz von internationalen Menschenrechtsbeobachtern unterstützt diese Personen indem sie Handlungsspielräume für sie schafft.

Was gehörte konkret zu Ihren bisherigen Aufgaben?

Marco Baumgartner: Die Arbeit bei PBI ist breit gefächert, da die Organisation horizontal strukturiert ist. Das heisst, einmal pro Woche haben wir eine Teamsitzung, um die Aktivitäten der vergangenen Woche zu besprechen und die Nächste zu planen. Zu meinen bisherigen Aufgaben gehörten unter anderem: Begleitungen von Menschenrechtsverteidigern bei ihren Tätigkeiten in verschiedenen Regionen des Landes, Begleitungen von Anwälten zu Gerichtsverhandlungen, Besuche von Hauptsitzen verschiedener Organisationen, mit denen wir in ständigem Kontakt sind. Desweiteren Gespräche mit Botschaften verschiedener Länder und Gespräche mit lokalen und nationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, um unsere Erfahrungen und Beobachtungen zu schildern und die Besorgnisse der Menschenrechtsverteidiger zu erläutern.

Laut Medienberichten war in Guatemala in den letzten Monaten einiges los. Das politische Klima ist angespannt. Im Oktober wurde Jimmy Morales zum neuen Präsidenten von Guatemala gewählt. Der bisherige Präsident Otto Pérez Molina und Vizepräsidentin Roxana Baldetti traten unter dem Druck der Proteste der Bevölkerung und dank der Anklage der Internationalen Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala sowie der Staatsanwaltschaft zurück und befinden sich derzeit im Gefängnis. Wie haben Sie die politische Lage vorort empfunden?

Marco Baumgartner: International wurden die Wahlen aufgrund der relativ hohen Wahlbeteiligung (im Vergleich zu den Wahlen in der Vergangenheit) in einem positiven Bild betrachtet. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, diverse weitere Faktoren - abgesehen von den friedlichen Protesten - in Betracht zu ziehen, um sich ein Bild von den Wahlen zu machen. Gemäss der guatemaltekischen Wahlkommission haben sich rund 7,5 Millionen Personen im Wahlregister eingetragen, davon sind rund 1,77 Millionen Analphabeten. Aus verschiedenen Regionen des Landes wurde berichtet, dass am Wahltag Personen mit Bussen, organisiert von Parteien, zu Wahllokalen gefahren wurden, Personen Geld oder Waren für ihre Stimme erhalten haben oder in einigen Dörfern Urnen verschwanden. In 11 Gemeinden musste der erste Wahlgang vom 6. September wiederholt werden. Am 25. Oktober kam es zu einer Stichwahl um die Präsidentschaft zwischen Sandra Torres und Jimmy Morales, wobei Jimmy Morales zum neuen Präsidenten gewählt wurde.

Warum sind die Proteste für Guatemala so bedeutend?

Marco Baumgartner: Es ist wichtig, die Proteste der Bevölkerung, welche zwischen April und September 2015 stattfanden, in den Kontext der Geschichte der letzten Jahre des Landes zu stellen. In einem Land, in welchem von 1960 - 1996 während 36 Jahren ein Bürgerkrieg herrschte und welches von Militärregierungen regiert wurde, sind Proteste von einer solchen Dimension ein bedeutendes Ereignis. Sie wurden von vielen verschiedenen Sektoren unterstützt, so zum Beispiel von Wirtschafts-, Studenten- und Bauernorganisationen, Organisationen indigener Bevölkerungen sowie Personen der mittleren und oberen Bevölkerungsschicht. In naher Zukunft wird sich zeigen, ob die friedlichen Demonstrationen eine anhaltende Auswirkung haben und zu welchem Grad die Bevölkerung politisch aktiv bleibt.

Weiter wurde von intensiven Regenfällen, Überschwemmungen und Erdrutschen in den vergangenen Wochen berichtet. Was können Sie hierzu sagen?

Marco Baumgartner: Anfangs Oktober kam es nach tagelangen starken Regenfällen zu einem verheerenden Erdrutsch in der Siedlung Chambray II am Rande von Guatemala-Stadt. Die Rettungsarbeiten des guatemaltekischen Katastrophenschutzes Conred wurden von internationalen Notfallteams unterstützt. Die Tragödie kostete rund 300 Personen ihr Leben. Gemäss verschiedenen guatemaltekischen Medien hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen mutmasslicher Fahrlässigkeit der Behörden eingeleitet, da wiederholt vor der Gefahr von Erdrutschen in der betroffenen Siedlung gewarnt wurde.

Bei Reisen nach Guatemala ist der persönlichen Sicherheit grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Die Kriminalitätsrate ist sehr hoch, Raubüberfälle auf Touristen werden in der ganzen Stadt und ihrer Umgebung verübt. Meistens sind die Täter bewaffnet, so die Reisehinweise für Guatemala des EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten). Halten Sie das für übertrieben, oder würden Sie vor Reisen nach Guatemala abraten?

Marco Baumgartner: Wir sind in engem Kontakt mit der schweizerischen Botschaft, welche sich nicht nur äusserst gut um die Schweizer in Guatemala kümmert, sondern sich auch aktiv für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt. PBI hat strikte Sicherheitsvorschriften für die Personen, welche in Guatemala tätig sind. Beispielsweise sind wir bei Begleitungen von Menschenrechtsverteidiger immer zu zweit unterwegs, begleiten nur unbewaffnete Personen und Organisationen, welche sich der Gewaltfreiheit verschrieben haben. Zusätzlich sind wir in engem Kontakt mit Personen vom Team, welche vom Büro aus tätig sind. Persönlich empfehle ich unter Beachtung der Reisehinweise des EDA nach Guatemala zu reisen und sich hier auf der Botschaft zu registrieren. Guatemala ist ein sehr vielseitiges Land und hat vieles zu bieten. Im Land werden neben Spanisch, 22 Maya-Sprachen (Muttersprachen für 40-60 % der Bevölkerung einschliesslich Zweisprachler), Xinca und Garífuna gesprochen. Guatemala befindet sich zwischen dem Atlantik und dem Pazifik und bietet auch im Landesinnern mit seinen Seen, Flüssen und Vulkanen unzählige Orte, welche einen Besuch wert sind.

Wie werden Sie Weihnachten verbringen?

Marco Baumgartner: Definitive Pläne gibt es noch keine. Angedacht ist  ein gemeinsames Nachtessen im Team - mit selbstzubereiteten Gerichten aus den jeweiligen Herkunftsländern.

Bilder: Marco Baumgartner bei einer friedlichen Widerstandsbewegung gegen ein Minenprojekt, bei dem die anliegenden Gemeinden kein Mitbestimmungsrecht haben, obwohl es weitreichende Auswirkungen auf ihre Lebensweise, ihre Umwelt sowie ihre Menschenrechte hat. PBI begleitet die friedliche Widerstandsbewegung regelmässig; Zeremonie einer Witwenorganisation, welche PBI begleitet (Fotos: zVg)
 
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