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Bundesfeierrede von Alt Grossrat Werner Müller, Die Mitte, Wittnau, in Zeiningen

(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Zeiningerinnen, liebe Zeininger, liebe Festbesucher
Ich habe mich sehr gefreut, als mich vor einiger Zeit Meinrad Schibli für die diesjährige 1. Augustansprache in Zeiningen angefragt hat. Ich habe mir das nicht lange überlegen müssen und bin heute sehr gerne nach Zeiningen gekommen.
Als ich in der Einladung zur heutigen 1. Augustfeier bei mir Alt Gemeindeammann und Alt Grossrat gelesen habe, bin ich mir schon ein wenig alt vorgekommen. Es stimmt ja schon, es tönt einfach so alt.
Meine achtjährige Enkeltochter hat mich kürzlich gefragt, für die Projektwoche in der Schule müsse sie eine ältere Person mitnehmen, ich sei doch schon ziemlich alt, ob ich mitkommen würde. Ich habe natürlich gerne ja gesagt. Der Gedankenaustausch zwischen Jung und Alt in der Schule war dann sehr spannend. Das Alter ist bekanntlich eine relative Sache.
Nun zurück zu Zeiningen. Ich habe mir überlegt, welche Beziehung ich zu Zeiningen habe. Es sind vor allem die Erinnerungen als Turner, wo wir uns mit Zeiningen vor vielen Jahren duelliert haben. Ich mag mich erinnern, dass Zeiningen gute Läufer hatte. Auch Handball habe ich gegen Zeiningen gespielt, und zwar noch auf einen Teerplatz. Alles schöne Erinnerungen.
Was kommt mir bei Zeiningen noch in den Sinn: Der «Sunneberg» als Wander- und Bikegebiet. Ländlich gelegen und doch sehr nahe bei den Zentren im unteren Fricktal.
Zeiningen muss zudem sehr tierfreundlich sein. So habt ihr doch einen 5-Stern-Wildtierkorridor über die Autobahn. Gemäss Astra sollen Rothirsch, Reh, Dachs, Wildschwein, Luchs, Feldhase und Fuchs den Übergang nutzen. Man müsse jedoch noch schauen, wer alles den Übergang wirklich benutze. Anscheinend werde auch über eine Maut nachgedacht. Das Geld, welches das Bauwerk gekostet hat, muss ja wieder irgendwoher eingenommen werden.
Ich bin heute nicht hierhergekommen, um über Wildtierkorridore zu philosophieren.
Wir alle sind hierhergekommen, weil die Schweiz heute Geburtstag hat. Immerhin ist es der 735 Geburtstag. (1291 bis 2026).
Amerika ist übrigens erst 250 Jahre alt. Die Unabhängigkeitserklärung erfolge am 4. Juli 1776. Ich weiss daher gar nicht, warum sich ein 80-jähriger in Amerika so wichtig nimmt, denn Amerika gibt es noch gar nicht so lange. Er hat kein Respekt vor dem Alter! Gut, das Wort Respekt kennt er eben nicht.
Kommen wir auf unser Geburtstagskind zurück, unsere Schweiz. Wo stehen wir heute nach 735 Jahren? Grundsätzlich geht es uns sehr gut, nur merken wir es leider nicht immer. Wenn wir solche Wildtierübergänge bauen können, muss es uns ja gut gehen.
Ich habe übrigens nichts gehen Wildtierübergänge. Sie könnten jedoch auch etwas weniger luxuriös sein. Lassen wir nun aber das Thema.
Ja es gibt viel Schönes in der Schweiz, auf das wir stolz sein können. Seien es die schönen Landschaften, die Berge, die Flüsse, die Seen usw. Die politische Stabilität, die direkte Demokratie, Zuverlässlichkeit, Pünktlichkeit, usw.. Sachen um die uns viele Ausländerinnen und Ausländer beneiden.
Es gibt aber auch Dinge und Entwicklungen, welche leider nicht so schön sind. Der viele Verkehr, die Überbevölkerung in vielen Gebieten und als Folge davon, hohe Immobilien und Mietkosten. Der Klimawandel mit Unwettern, Trockenheit, schmelzende Gletscher. Der hektische Alltag, die vielen gestressten Menschen welche von einem Termin zum anderen rennen. Menschen, welche sich in der heutigen modernen Welt nicht mehr zurechtfinden, und so weiter und so weiter.
Was ist denn geblieben von unserer Heimat? Sind es nur noch die Erinnerungen an frühere Zeiten?
Nein so ist es nicht. Wir können sehr dankbar sein, hier in der Schweiz leben zu dürfen. Die Schweiz als Heimat zu haben. Wenn wir über die Landesgrenze schauen, stellen wir fest, dass die weltweiten Probleme um einiges grösser sind als bei uns in der Schweiz. Bei einem Regierungswechsel in anderen Ländern wird praktisch alles auf den Kopf gestellt. Erschreckend sind die vielen Kriege und Diktaturen, welche es überall gibt. Die Menschen leben in Elend und Not und haben absolut nichts zu sagen. Freiheit kennen Sie nicht. Wer aufmuckte, kommt ins Gefängnis oder wird hingerichtet. Für uns Schweizerinnen und Schweizer unvorstellbar. Wir dürfen unsere Meinung sagen ohne das etwas passiert.
In diesem Zusammenhang müssen wir uns bewusst sein, die Schweiz als Heimat zu haben ist ein Geschenk ein grosses Geschenk. Und dass die meisten von uns zufällig hier in diesem wunderschönen Land leben. Ein wertvolles Geschenk, mit welchem wir sehr behutsam umgehen müssen. Eine zentrale Grundlage dafür ist das politische System der Schweiz. Die direkte Demokratie. Das Erfolgsmodell der Schweiz beruht auf der direkten Demokratie. Sie ist weltweit einmalig und erlaubt den Bürgerinnen und Bürgern ein direktes Mitwirken auf allen Staatsebenen. In keinem anderen Land ist das so möglich.
In einer Zeit, in der die Welt zunehmend von Unsicherheiten und Spannungen geprägt ist, ist es wichtiger denn je, dass wir diese Werte hochhalten und uns gemeinsam für eine gute und noch bessere Zukunft einsetzen. Nutzt das Stimm- und Wahlrecht, das ist sehr wichtig. Die Faust im Sack machen bringt nichts.
Der Erfolg der Schweiz hat aber auch damit zu tun, Lösungen gemeinsam zu suchen und Kompromisse einzugehen. Dieser Ansatz hat sich in den letzten Jahren leider negativ entwickelt. Extrempositionen werden stur vertreten, am Schluss fehlt dann eine Lösung. Das ist gefährlich, dem müssen wir vehement entgegenwirken.
Und dann gibt es ja noch die vielen Traditionen. Eine davon ist, dass wir heute hier sind und den 1. August feiern. Das ist gut so, solche Anlasse müssen wir pflegen. Traditionen verbinden uns, geben uns Bodenständigkeit und lässt die Vergangenheit weiterleben und nicht vergessen. Wir müssen jedoch aufpassen, uns nicht hinter Traditionen zu verstecken. Es gibt ein treffendes Sprichwort dazu: Tradition ist nicht das Aufbewahren von Asche, sondern das Aufrechterhalten des Feuers.
Einsatz, Wille, Durchhaltevermögen aber auch Kameradschaft, haben die Schweiz in der Vergangenheit stark gemacht. Wir haben praktisch keine Rohstoffe (kein Oel, Gas oder Edelmetalle). Unsere Vorfahren mussten sich das tägliche Brot mit harter Arbeit erkämpfen.
Ich war noch bis vor kurzem Präsident des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal, der Verein betreibt die beiden Altersheime in Frick und Laufenburg. Immer wieder erzählten mir Bewohnerinnen und Bewohner, wie einfach sie früher lebten, wie wenig sie hatten, wie viel sie arbeiteten und trotzdem zufrieden waren. Das hat mich immer wieder sehr beeindruckt.
Heute geht vieles einfacher, wir haben viel mehr Freizeit, Ferien, etc. Wohlstand den wir alle sehr schätzen.
Leider ist es heute oft so, dass die Freizeit an erster Stelle steht. Das ist meiner Meinung eine gefährliche Entwicklung. Damit die Schweiz auch zukünftig ein erfolgreiches Land bleibt, müssen wir tagtäglich hart daran arbeiten. Es gibt im Ausland sehr viele Menschen, welche für mehr Wohlstand alles dafür unternehmen. Die Konkurrenz ist gross und schläft nicht. Denken wir beispielsweise an China mit mehr als 1.4 Milliarden Menschen.
Es gibt dazu ein passendes Sprichwort von Bertold Brecht:

Wer kämpft kann verlieren
Wer nicht kämpft hat schon verloren

Aber nicht verbissen kämpfen, das wäre falsch. Wenn jemand Erfolg hat, besteht immer die Gefahr, dass auch andere davon profitieren möchten. Die Schweiz ist kein Selbstbedienungsladen, dagegen müssen wir uns wehren. Die Schweiz kann die weltweiten Probleme nicht lösen. Wir dürfen uns aber auch nicht abschotten, viele Probleme können nur gemeinsam gelöst werden.
Jetzt feiern wir aber zuerst den Geburtstag der Schweiz, deswegen sind wir heute auch hierhergekommen. Geniessen wir den heutigen Sommerabend. Diskutiert miteinander, über unser Geburtstagskind die Schweiz, über Gott und die Welt und auch über Wildtierkorridore kann gefachsimpelt werden. Packt die anstehenden Herausforderungen mit viel Freude und Elan an. Denkt aber jeden Tag daran: Es ist ein Geschenk, hier in der Schweiz leben zu dürfen.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.