(Aus dem Schweizerdeutschen übersetzt. Es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Rheinfelderinnen und Rheinfelder,
liebe Einwohnerinnen und Einwohner dieser Stadt, in der die Sonne zu Hause ist (Jahresmotto der Stadt Rheinfelden),
liebe Gäste,
liebe Kinder
Mein erster Gedanke gehört euch, liebe Kinder.
Wir feiern heute zusammen Geburtstag. Den 735. unseres Landes, der Schweiz. Die Schweiz haben wir von unseren Eltern erhalten. Und wir geben sie an euch weiter. Darum ist es besonders schön, dass ihr heute hier seid. Der 1. August ist der Tag, an dem die Schweiz zusammenkommt.
Wir könnten heute alle zu Hause vor den Handys sitzen – verbunden mit der ganzen Welt. Aber Verbunden sein ist noch keine Gemeinschaft. Gemeinschaft entsteht, wo Menschen sich begegnen. Und genau von dieser Gemeinschaft lebt die Schweiz.
Ich hoffe, in ein paar Jahren steht jemand von euch hier oben und hält eine 1.-August-Rede. Und vielleicht erzählt ihr dann, wie ihr Rheinfelden als Kinder erlebt habt. Kindheit ist wie ein Fotoalbum. Einige Bilder bleiben für immer farbig.
Ich habe meine Kindheit nicht in Rheinfelden verbracht. Aber wenn ich zurückblicke, merke ich: Heimat beginnt vielleicht viel früher, als man denkt. Vom Fricktal wusste ich als Kind vor allem, dass es hier die guten Kirschen gibt. Ich bin als Tochter einer Obsthändlerin im Baselbiet aufgewachsen. Immer wenn wir bei den Bauern Kirschen abholten oder sie zur Konservenverarbeitung nach Möhlin brachten, fuhren wir durch Rheinfelden. Meine Mutter war eine ausgezeichnete Obstgrosshändlerin. Aber Sie hatte eine kleine Schwäche: Mit dem Lieferwagen fuhr sie manchmal etwas zu sportlich, nicht so, wie es mit zwei Tonnen Kirschen auf der Ladefläche ideal war.
So hat sie einmal bei der Salinenstrasse – damals konnte man noch durch die Waldstrasse nach Möhlin fahren – eine Kurve etwas zu optimistisch genommen…. und plötzlich hatten wir zwei Tonnen Kirschen nicht in Möhlin, sondern in Rheinfelden abgeladen.
Die Stunden des Kirschen-Auflesens, aber vor allem die Hilfsbereitschaft der Menschen aus dem Roberstenquartier gehören zu meinen Kindheitserinnerungen an Rheinfelden. Dass «die Sonne hier zu Hause ist», zeigt sich eben nicht nur am Himmel, sondern vor allem in den Menschen.
Eine zweite Erinnerung hat mit unserer Verwandtschaft zu tun. Wir fuhren regelmässig nach Rheinfelden, um meinen Grossonkel Emil und seine Familie abzuholen. Er leitete die landwirtschaftliche Genossenschaft beim Bahnhof Rheinfelden. Und jedes Mal, wenn wir auf seinem Heimweg auf Rheinfelden zufuhren, sorgte er schon ab der Höhe des heutigen Zolls für Konzentration im Auto. «Jetzt seid alle still. Langsam fahren. Jetzt kommen wir in die Stadt.» Für uns Dorfkinder klang das, als würde nach dem Weiherfeld eine Grossstadt beginnen. Heute muss man dort übrigens gar nicht mehr abbremsen. Man steht schon vorher im Stau…
Ja, liebe Rheinfelderinnen und Rheinfelder, nichts deutete damals darauf hin, dass ich eines Tages hier leben und arbeiten würde. Dass Rheinfelden einmal meine Heimat werden würde. Aber vielleicht wächst Heimat genau aus diesen kleinen Momenten, deren Bedeutung man erst viele Jahre später erkennt.
Als Zweitklässlerin führte mein Schulweg an einem kleinen Lädeli vorbei. Alle zwei Wochen standen dort die Brauereipferde von Feldschlösschen. Die Fuhrleute luden Bierkisten ab. Ich war fasziniert. Von den Pferden – nicht vom Bier… Wer hätte damals gedacht, dass ich Jahrzehnte später selbst mit vielen anderen etwas dazu beitragen darf, dass die Brauereipferde noch immer zu Rheinfelden gehören.
150 Jahre Feldschlösschen
Die Brauereipferde erinnern uns an die Wurzeln von Feldschlösschen. Sie zeigen, dass man vorwärtskommen kann, ohne seine Geschichte zu verlieren. Und dort, wo die Sonne zu Hause ist, ist – vielleicht wegen dem Durst – auch das Bier zu Hause. In diesem Jahr feiert das Bier aus Rheinfelden Geburtstag. Feldschlösschen ist 150 Jahre alt geworden. Die Hälfte aller neu gegründeten Unternehmen in der Schweiz überlebt die ersten fünf Jahre nicht. 150 Jahre sind deshalb alles andere als selbstverständlich. Und wenn man sich fragt, wie ein Unternehmen eineinhalb Jahrhunderte bestehen kann, kommt man immer wieder auf dieselbe Antwort: Wegen der Menschen.
Ohni d’Lüt goht nüt
Eineinhalb Jahrhunderte schafft man nicht mit einem schönen Logo. Nicht mit einem eindrucksvollen Gebäude. Nicht einmal allein mit einem guten Bier. Eineinhalb Jahrhunderte schafft man nur mit Menschen. Mit Menschen, die anpacken.
Ohni d’Lüt goht nüt.
Generationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben das Feldschlösschen geprägt. Und Rheinfelden zur Bierhauptstadt der Schweiz gemacht. Wenn ein Unternehmen 150 Jahre Teil einer Stadt ist, dann gibt es in vielen Familien jemanden – ein Geschwister, ein Grosi, ein Nachban oder Freund –, der einmal bei Feldschlösschen gearbeitet hat. Feldschlösschen gehört deshalb für viele auch zur eigenen Familiengeschichte.
Geschichte merkt sich meistens die Namen der Gründer. Geschrieben wird sie aber von unzähligen Menschen. Manchmal hilft jedoch ein einzelnes Gesicht, die Leistung vieler sichtbar zu machen. Von einer solchen Person möchte ich euch erzählen. Von Marie Wüthrich-Jenny. Sie war die Ehefrau des Feldschlösschen-Mitgründers Mathias Wüthrich und wuchs auf einem Bauernhof in Möhlin auf. Ich weiss, liebe Rheinfelderinnen und Rheinfelder, langsam wird es heikel ... Es ist bereits das dritte Mal, dass ich heute Möhlin erwähne... Aber für diese Geschichte müssen wir noch einmal kurz dorthin zurück.
Auf einem Bauernhof lernt man früh: Die Arbeit ist erst dann fertig, wenn alles erledigt ist. Wenn das Heu in der Scheune ist. Fleiss war ihr in die Wiege gelegt. Marie Wüthrich zog als erste ins Feldschlösschen. Ein Ort, der noch lange nicht wie ein Schloss aussah. Sie zog sechs Kinder gross, versorgte die Brauknechte, führte in ihrer Stube eine Gastwirtschaft und erledigte daneben die gesamte Buchhaltung des Unternehmens. Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nennen wir das heute.
Als Feldschlösschen 1889 den direkten Bahnanschluss erhielt – die SBB gab es damals übrigens noch gar nicht –, stand Marie jeden Tag um halb elf vor der Tür und zählte die Güterwagen, die in die Schweiz hinausfuhren. Jeder einzelne Wagen hatte eine Bedeutung. Das Bier rollt. Das Geschäft läuft. Und wenn das Geschäft läuft, hat das Unternehmen eine Zukunft. So beginnt man etwas aufzubauen, das weit über das eigene Leben hinausreicht. Etwas, das man der nächsten Generation weitergeben kann. Die Anfangsjahre von Feldschlösschen waren vom «Champfe» geprägt. Das ist so geblieben.
Auch später, als Ehefrau eines angesehenen Brauereibesitzers, war sich Marie Wüthrich nie zu schade, den Bauern beim Heuen zu helfen, wenn ein Gewitter aufzog. Ich weiss ... In diesem Sommer kann man es kaum glauben…. Aber auch in Rheinfelden, wo die Sonne zu Hause ist, gibt’s manchmal Gewitter... Marie Wüthrich hat kein Denkmal. Aber sie hat etwas hinterlassen, das viel wichtiger ist. Eine Haltung: Man hilft einander. Von nichts kommt nichts. Genau diese Haltung hat nicht nur Feldschlösschen gross gemacht. Sie hat vor allem unsere Schweiz gross gemacht. Und genau diese Schweiz feiern wir heute.
Zusammenhalt und das Schweizer Erfolgsmodell
Feldschlösschen ist nur 28 Jahre jünger als die Schweiz als Bundesstaat. Wenn man 150 Jahre Teil der Geschichte dieses Landes sein darf, stellt sich die Frage: Was kann ein Unternehmen seiner Heimat zurückgeben? Noch mehr Bier? Bei diesen Temperaturen heute vielleicht eine beliebte Antwort ... Aber das Wichtigste am Bier ist nicht, was im Glas ist. Nicht der Hopfen. Nicht das Malz. Das Wichtigste am Bier ist, mit wem man es trinkt. Wir sagen: «Chum mir näme no eis.» Und jeder weiss sofort: Es geht ums Zusammensein. Ums Zuhören. Ums Gespräch. Das Bier aus Rheinfelden begleitet die Schweiz genau in diesen Momenten. Wenn Geburtstage gefeiert werden. Wenn man nach der Arbeit noch zusammensitzt. Wenn es etwas zu feiern gibt. Oder auch etwas zu verarbeiten. Dort, wo Menschen einander begegnen, entsteht Zusammenhalt.
Doch wie steht es heute um diesen Zusammenhalt in unserem Land? Wir wollten es genauer wissen. Deshalb hat Feldschlösschen zum Jubiläum gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Sotomo das erste Schweizer Zusammenhaltsbarometer lanciert – eine Studie, die zeigt, wie die Menschen den Zusammenhalt in unserem Land erleben. Das Ergebnis ist aufschlussreich. Und ehrlich gesagt auch ein wenig ernüchternd. Zwei Drittel der Bevölkerung empfinden den Zusammenhalt als eher schwach. 83 Prozent haben das Gefühl, dass er abnimmt. Das stimmt nachdenklich.
Es gibt aber auch Ermutigendes. Fast die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer pflegt enge Freundschaften mit Menschen, die politisch eine andere Meinung haben. Das sollten wir bewahren. Grade in einer Zeit, in der man sich online schneller auseinanderlebt, als zusammenfindet. Wir müssen nicht immer gleicher Meinung sein. Aber wenn wir nach einer Abstimmung immer noch gemeinsam ein Bier trinken können, dann ist die Schweiz noch immer die Schweiz. Doch auch hier gilt…
«vo nüt chunt nüt»
Eine direkte Demokratie funktioniert nicht von selbst. Sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Bei Abstimmungen aber auch im Milizsystem. Die Feuerwehrleute, die heute Dienst leisten und gerade in diesen Tagen keine unbeschwerte Zeit haben.
Die Menschen, die in einem Verein das Präsidium oder eine Vorstandsfunktion übernehmen. Menschen, die sich in ihrer Gemeinde engagieren. Oder ganz einfach den Nachbarn helfen.
«Ohni d Lüt goht nüt»
Verantwortung zu übernehmen ist vielleicht das Schweizerischste, was es gibt.
Liebe Rheinfelderinnen und Rheinfelder,
liebe Kinder – falls ihr noch zuhört ...
Solltet ihr eines Tages selbst hier oben stehen und eine 1. August Rede halten, dann hoffe ich, dass die Schweiz noch immer von dieser Haltung lebt: Von der Haltung, die ich als Kind beim Kirschenauflesen erlebt habe; die Marie Wüthrich vorgelebt hat; und die bis heute von unzähligen Menschen ganz selbstverständlich gelebt und weitergetragen wird.
«Vo nüt chunt nüt»
Dort, wo man einander hilft… …Dort, wo man gemeinsam anpackt, wenn ein Gewitter aufzieht. …Und dort, wo «chum mir göne es Bier go neh» helvetisch noch immer mehr bedeutet als nur ein Bier. Dort ist die Schweiz. Und genau dort ist auch die Sonne zu Hause.
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nationalfeiertag.