(Es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Densbüren und Asp, liebe Gäste, geschätzte Anwesende
Herzlichen Dank für eure Einladung zur Bundesfeier und zu eurem grossen Fest. Es freut mich sehr, dass ich heute mit euch feiern darf.
Wir feiern heute unser Land, die Schweiz. Weil wir uns daran erinnern wollen, was uns als Land ausmacht. Aber ihr hier in Densbüren feiert ja heute nicht nur, dass vor 735 Jahren am Vierwaldstättersee ein Vertrag gemacht wurde. Ihr feiert heute eigentlich vor allem Densbüren. Densbüren ist viel wichtiger als die Schweiz. So wie jede Gemeinde wichtiger ist als die Schweiz. Denn die Schweiz gibt es ja eigentlich gar nicht, die Schweiz ist zusammengewürfelt aus verschiedenen Nationen, sie ist ein Zusammenschluss von 26 eigenständigen Kantonen und von etwa 2100 grossen und kleinen Gemeinden wie eben Densbüren, die – typisch für die Schweiz – heute alle auf ihre Art ihre eigene Bundesfeier feiern.
Darum will ich auch nicht über die Schweiz reden, sondern über eure Gemeinde. Ihr feiert ja dieses Jahr etwas ganz Besonderes: das 600-Jahr-Jubiläum und auch gleich noch den Kulturerbe-Tag. Also eigentlich eine Art 3-in-1-Fest! Ich glaube nicht, dass ich schon einmal an so einem Dreifach-Festanlass war, aber ich finde das eine sehr gute Idee. Sie ist praktisch, pragmatisch, wie wir in der Schweiz oft sind. Und ihr bietet hier vor Ort gleich drei verschiedene Möglichkeiten, um eure Heimat, unsere Heimat zu erleben.
Ich weiss nicht, wie es euch geht: Aber wenn ich an «Heimat» denke, ist das etwas Schönes, etwas, das ich mit guten Gefühlen verbinde. Es hat nicht nur mit meiner Wohngemeinde Windisch zu tun.
Für mich sind es vor allem Menschen, mit zunehmendem Alter auch solche, die nicht mehr da sind. Es sind Erinnerungen und Empfindungen: der Geruch im Dorfschulhaus, mit dem Zug über die Aarebrücke fahren kurz bevor man in Brugg ankommt, das Jugendfest, Familienspaziergänge auf die Habsburg oder Sommernachmittage in der Badi, wo ich nie vom 3-Meter-Brett zu springen traute.
Bei euch ist es wahrscheinlich auch ganz persönlich und ganz unterschiedlich, was ihr unter Heimat versteht. Aber vielleicht gibt es ein paar Gemeinsamkeiten. Vielleicht ist eine sogar Densbüren. Dass ihr hier wohnt und lebt, dass ihr hier eine Gemeinschaft habt, dass ihr euch heute und auch sonst zu Anlässen trefft, ist sicher für viele von euch ein Teil eures Heimatgefühls. Vielleicht lernt ihr am heutigen Tag bei den vielen Aktivitäten, die hier geboten werden, dieses Densbüren noch besser verstehen. Dafür ist ja auch der Kulturerbe-Tag da, dass ihr die Wurzeln dieses Dorfs bis weit in die Vergangenheit kennenlernen könnt – in diesem Fall sogar bis in die Bronzezeit,
als es noch keinen Namen dafür gab.
Ich finde es immer beeindruckend, auf unsere vielseitige Aargauer Geschichte zu schauen und zu sehen, wie viele Stürme, Krisen und unsichere Zeiten unsere Region, unser Kanton schon durchlebt und überwunden hat. Das ist bei euch in Densbüren nicht anders. Ihr habt seit dem Spätmittelalter schon verschiedenste Herrschaften gesehen, einen Konfessionswechsel erfolgreich überstanden und auch schon grosse wirtschaftliche Krisen, ihr habt zu mehreren Kantonen gehört. Trotzdem hat es immer Menschen gegeben, die sich für euer Dorf, für eure Gemeinde eingesetzt haben. Die hier Bäume gepflanzt, Häuser gebaut und Kinder grossgezogen haben. Und auch wenn man es nicht immer gleich stark spürt: Diese Gemeinschaft trägt Densbüren bis heute.
Und man muss schon sagen: Ihr in Densbüren habt euch noch nie so richtig mit «nur etwas» zufriedengegeben. Ihr seid ja seit jeher Densbüren und Asp, zwei Dörfer mit je eigenem Charakter unter einem Namen. Ihr seid zwar im Fricktal, gehört aber trotzdem zum Bezirk Aarau. Nicht nur eure Schülerinnen und Schüler können auswählen, ob sie nach Frick oder Aarau in die Oberstufe gehen wollen, auch ihr könnt am einen Ort einkaufen und am anderen in den Ausgang. Ihr seid ein reformiertes Dorf im katholischen Fricktal. Ihr seid nach Norden und Süden gleichzeitig ausgerichtet – und habt darum nie ganz in eine Schublade gepasst.
Dass eure Gemeinde an der Staffelegg gelegen ist, einem Passübergang, hat ihr einen ganz speziellen Charakter gegeben. Darum passt auch das Motto des Kulturerbe-Tages, «Pass», wirklich gut zu euch. Ein Passübergang hat ja immer zwei Seiten, die habt ihr quasi in eurer DNA. Die zwei Seiten gibt es auch im übertragenen Sinn, zum Beispiel beim Verkehr. Eure Vorgängerinnen und Vorgänger haben sich einmal nichts sehnlicher gewünscht als eine gute Strasse über die Staffelegg. Die gnädigen Herren zu Bern hatten dafür kein Gehör, erst der junge Kanton Aargau machte sie vor gut 200 Jahren möglich. Jetzt habt ihr diese Strasse. Aber ihr habt auch sehr viel Verkehr zu ertragen. Damit müsst ihr leben, habt ihr gelernt zu leben, weil ihr hier wohnt. Und wenn ihr die Strasse nicht hättet, sondern nur einen Velo- oder Wanderweg, dann wäre es wieder schwierig, schnell nach Frick und Aarau zu kommen. Ihr seid also mit beiden Seiten der Medaille konfrontiert, jeden Tag. Gute Anbindung oder Ruhe? Da kann man schon einmal hin- und hergerissen sein – denn beides zu haben, geht eben nicht, wie auch sonst meistens.
Und ich glaube, dieses Hin- und Hergerissensein ist eigentlich auch sehr typisch für uns Schweizerinnen und Schweizer. Jetzt rede ich doch noch über die Schweiz an diesem speziellen Tag – und will auch selbstkritisch sein:
Wir wollen am liebsten immer den Fünfer und das Weggli. Wir möchten unabhängig bleiben, aber gleichzeitig von allen Vorzügen unserer Nachbarländer und vom europäischen Wirtschaftsraum profitieren. Wir möchten möglichst wenig Steuern zahlen, aber trotzdem eine erstklassige Infrastruktur haben und eine schlagkräftige, gut ausgerüstete Armee – und schon gar keine Sparmassnahmen anderswo. Wir finden schnelles Internet selbstverständlich – aber eine Antenne in der eigenen Gemeinde geht gar nicht. Wir wollen günstigen Wohnraum – aber wehe, es redet jemand von Verdichtung und das neue Mehrfamilienhaus kommt in die eigene Strasse.
Das, was wir am 1. August immer wieder loben, nämlich unsere Bereitschaft, miteinander zu reden, uns zusammenzuraufen und dann einen Kompromiss zu finden – das, was uns, obwohl wir ein zusammengewürfelter Haufen sind, als Land so erfolgreich gemacht hat: Ich finde, das hat schon besser funktioniert als gerade jetzt.
Vielleicht auch deshalb, weil es immer mehr Situationen gibt, die wir als Land nicht mehr in der Hand haben, wo wir – auch wenn wir uns zusammenraufen wollen – eigentlich gar keine Wahl haben. Viele grosse Herausforderungen in der Schweiz sind von globalen Entwicklungen beeinflusst. Weder Migration, Kriege oder Zollpolitik, noch die Wirtschaftsstrategien von Grossmächten oder den Klimawandel können wir als kleines Land, als Kanton, als Gemeinde oder als einzelne Person wirklich steuern. Wir müssen es einfach hinnehmen und damit fertig werden – auch wenn es heisst: Vogel friss oder stirb.
Als Politiker würde ich – gerade heute – gerne Zuversicht streuen und Sicherheit vermitteln und sagen, es wird besser – oder es ist eigentlich nicht so schlimm. Aber das kann ich nicht. Ich musste sogar schmerzlich erfahren, dass ich als politischer Verantwortlicher nicht einmal ein solch schreckliches Verbrechen, wie es letzte Woche zur Anzeige gekommen ist, verhindern kann und auch den Opfern nicht richtig helfen konnte.
Unsicherheit bleibt also – oder wird grösser. Dass diese Unsicherheit für Ängste sorgt, für Frustration, ist klar – und dass sich viele irgendwo Luft verschaffen wollen, das kann ich auch verstehen. Was ich aber nicht verstehe, ist die Art und Weise, wie das immer häufiger geschieht, in den sozialen und den anderen Medien, in politischen Debatten. Statt zu akzeptieren, dass wir gewisse Dinge nicht beeinflussen können oder dass wir eben nicht die von uns gewünschte Ideallösung erhalten, werden Schuldige gesucht, meistens im eigenen Land, bei der politischen Gegenseite.
Als ich mich online zu den zwei letzten Abstimmungen auf Bundesebene geäussert habe, hat man mir in nicht wenigen Kommentaren vorgeworfen, dass ich ein Lügner bin. Damit kann ich als Politiker leben, das muss ich in Kauf nehmen. Es hat mich aber trotzdem getroffen. Es hat mich getroffen, weil es Misstrauen oder sogar Hass ist, der niemandem weiterhilft. Es gibt so viele Formen davon: Misstrauen gegen «die da oben» in Bern oder Aarau, die offenbar nichts machen gegen den drohenden Niedergang, Misstrauen und Hass gegen die EU, gegen den bösen Staat, gegen die Linken und Grünen, die scheinbar unser Land verkaufen, die Ausländer, die man ausschaffen, oder die SVP, die man vom politischen Diskurs ausschliessen müsste.
Das gibt mir zu denken: Es wird nicht wirklich diskutiert. Der politische Gegner wird zur Gefahr fürs Land erklärt, und in Abstimmungen sagen beide Seiten, das Land gehe unter, wenn der jeweilige Gegner gewinnt.
Irgendwie ist es ja recht bequem, sich einfach aufzuregen – über andere. Aber diese Misstrauenskultur, diese Polarisierung bringen uns nicht weiter. Sie lösen keine einzige der wirklichen Herausforderungen. Im besseren Fall. Ich schlechteren Fall vertiefen sie die Gräben und bringen Menschen an die Macht, die nur noch der Form nach demokratisch sind. Der Preis dafür ist zum Beispiel, dass wir jetzt wieder Leute und Bewegungen in den Parlamenten unserer Nachbarländer haben, bei denen man sich nach dem Massenmord des 2. Weltkriegs einig war, dass man sie nie, nie mehr will! Oder dass der amerikanische Präsident systematisch Recht bricht – nicht nur, indem er die Rote Karte für einen Fussballspieler aufheben lässt, sondern auch, indem er Totschläger begnadigt, weil sie seine politischen Freunde sind.
Nicht nur Aufreger um Aufreger, die von politischen Akteuren bewusst geplant werden, brauchen wir
– sondern Diskussionskultur, Streitkultur. Auf eine Beleidigung nicht mit einer Beleidigung zu reagieren
– oder besser: gar nicht zu beleidigen, sondern um der Sache willen zu argumentieren, auch wenn man nicht gleicher Meinung ist. Das wäre das Gebot der Stunde.
Die gute Nachricht ist: Wir kennen das ja eigentlich. Das machen wir schon lange – an Gemeindeversammlungen, am Stammtisch oder im Verein. Und wir holen in der Politik sogar aktiv immer auch die Meinung der Gegenseite ein – auch wenn wir glauben, dass sie nicht richtig ist. Dann handeln wir einen Kompromiss aus, eine tragfähige Lösung, hinter der eine Mehrheit steht – und die auch die Minderheit akzeptiert, weil der Weg dahin fair war. Das ist Demokratie. Das ist unser Staat, ob im Bund, im Kanton oder in der Gemeinde. Der Staat ist nicht irgendein System, das uns führt und über das wir uns nur ärgern können oder hilflos fühlen. Ihr und ich, wir alle sind der Staat, wir bestimmen – wenn wir das wollen.
Das ist eine Chance, aber auch eine Verpflichtung. Und zugegeben: Das ist anstrengend und dauert lange – zu lange, wie heute viele kritisieren, es ist oft Knochenarbeit für die Bürgerinnen und Bürger – vor allem auch für alle, die sich ehrenamtlich in der Politik engagieren. Aber weil wir reden, kennen wir einander – auch wenn wir uns nicht immer verstehen. Das müssen wir uns erhalten.
Eine Patentlösung dafür habe ich nicht. Aber ein Weg ist eben gerade die ehrenamtliche Arbeit. Denn Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, nicht nur in der Politik, auch für die Gesellschaft, in einem Verein, sind tendenziell weniger polarisiert als andere. Das haben aktuelle Studien herausgefunden. Weil man eben im Verein macht, was so wichtig ist: mit anderen zusammen Zeit verbringen und an etwas Gemeinsamem arbeiten, unabhängig von der persönlichen politischen Ausrichtung. In den Vereinen lernen wir Gemeinschaft. Darum sind die Vereine so wichtig für unsere Gemeinden, und darum sind sie auch so etwas wie das Rückgrat unseres Landes.
Auch der heutige Tag zeigt ja sehr schön, was so eine Gemeinschaft leisten kann: Denn Ihr habt zusammen diesen Grossanlass auf die Beine gestellt. Vom Schützenverein über den Samariterverein bis zur Musikgesellschaft – über 100 Helferinnen und Helfer haben mitgewirkt. Dazu möchte ich euch allen herzlich gratulieren! Das ist wirklich eine grosse Leistung. Und ich bin überzeugt: Für viele von euch ist das genau die Heimat, von der ich am Anfang gesprochen habe. Diese Heimat feiern wir am Bundesfeiertag, ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Traditionen. Und vor allem ihre Zukunft – und dass wir nie aufhören zu streiten, wo diese ist und wie sie aussieht.
Ich wünsche uns allen ein schönes Fest und eine schöne Bundesfeier!